Addams Family, The
Jump´n´run

Lyrion
August 08

Wenn es um gut gepflegten schwarzen Humor geht, dann ist man, dessen bin ich mir vollkommen sicher, bei den Addams am besten aufgehoben. Bereits im Jahre 1938 vom Zeichner Charles Addams als satirische Umkehrung der idealen amerikanischen Kernfamilie (In der Regel aus den Eltern und ihren Kindern bestehend. Im Englischen wurde dafür der Begriff "Nuclear Family" geprägt, was sich etwas seltsam und zweideutig anhört.) erdacht und gezeichnet, erfreute sich die etwas andere und scheinbar total durchgeknallte Gruftie-Familie, welche anfangs noch ganz ohne Namen und komplexe Beziehungen zueinander auskommen musste, seit dem Erscheinen der witzigen Fernsehserie in den 60ern einer großen Beliebtheit, wodurch sie Kultstatus erlangte. Da genau diese drei Staffeln mit insgesamt 64 Folgen umfassende schwarz-weiß Serie seit kurzem komplett auf drei DVD-Box-Sets endlich bei uns im Land der Spätzünder zu haben ist (Wodurch ein großer Wunsch von mir in Erfüllung ging!), möchte ich aus diesem Anlass den interessierten Pixel-Heroes-Lesern die Addams-Videospiele vorstellen. Das erste Addams Family-Spiel, mit dem ich mich hier befassen möchte, hört auf den schlichten und unverwechselbaren Namen "The Addams Family" und ist eine freie Interpretation des ersten gleichnamigen und sehr erfolgreichen Kinostreifens von Barry Sonnenfeld aus dem Jahre 1991 mit u.a. Raul Julia als Gomez, Anjelica Huston als Morticia sowie der damals noch jungen Christina Ricci als Wednesday in den Hauptrollen. Ergänzend sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass es noch einen zweiten gleichermaßen hochqualitativen Kinofilm, "Addams Family Values" bzw. "Die Addams Family in verrückter Tradition", vom gleichen Regisseur und mit gleicher Besetzung aus dem Jahre 1993 gibt sowie einen nachfolgenden, aber meiner Ansicht nach miesen Videofilm von einem anderen Regisseur und mit anderer Besetzung aus dem Jahre 1998, der als "Addams Family Reunion" bzw. bei uns als "Die Addams Family und die lieben Verwandten" betitelt wurde. Zudem gibt es noch eine ebenfalls nicht so berauschende Zeichentrickserie und eine neuere Fernsehserie, die mangels Erfolg nach kurzer Zeit wieder abgesetzt wurde. Nun aber schnell zum Spiel.

Der markanteste Charakterzug der spielbaren Ausgabe von "The Addams Family" ist die Darstellung der Spielfigur Gomez Addams, seines Zeichens Oberhaupt der Familie und Meister des Makabren. Die in Small-Design, mit übergroßem Kopf gezeichnete Spielfigur fällt vor allem durch das dauerhafte, von einem Schnauzer verzierte breite Grinsen auf, das wohl durch John Astin, den Schauspieler der Originalserie, fest und unauslöschlich in das Charakterprofil von Gomez eingebrannt wurde. Wie im Film wollen auch hier zwielichtige Gestalten sich das Addams-Vermögen unter den Nagel reißen, weswegen die Addams Family durch einen dubiosen Gerichtsbeschluss des Hauses verwiesen wird. Aber die Addams wären nicht die Addams, wenn sie dies einfach so hinnehmen würden. Um Gomez zu erpressen, werden daher fast alle Familienmitglieder als Geiseln genommen (hier endet auch schon die Parallele zum Film) und irgendwo auf dem Anwesen versteckt gehalten. In der Form eines sehr klassischen Jump´n´run-Spieles liegt es nun an Gomez seine Familie zu retten und den Übeltätern zu zeigen, was es heißt sich mit den Addams anzulegen.

Auf der Suche nach seinen Familienangehörigen muss man das gruselige und weitläufige Addams-Anwesen durchqueren, das direkt dadurch besonders positiv auffällt, dass es als eine einzige große Spielwelt angelegt und nicht in separate Levels unterteilt ist, wie man es von anderen Spielen her kennt. In dieser Spielwelt hat man die uneingeschränkte Freiheit sich überall dorthin wenden zu können, wo man möchte. Man darf also nach Herzenslust die nähere Umgebung des Hauses erkunden, im Kamin stöbern, über den Friedhof wandern, unter der Erde nachsehen, die Familiengruft in Augenschein nehmen und natürlich das Haus unsicher machen. In der Treppenhalle des Gruselhauses findet man auch mehrere Türen, welche in die aus der Fernsehserie und den Kinofilmen bekannten Räumlichkeiten führen. Diese sind mit vielen seltsamen Bewohnern und Objekten gespickt, wie z.B. dem beißenden Eisbärenfell sowie fiesen Fallen, die es natürlich ohne Verluste zu besiegen bzw. zu umgehen gilt.

Um sich gegen die vielen Gefahren des Spieles behaupten zu können, kann Gomez auf die althergebrachte Art und Weise in die Luft hüpfen, sich durch Abducken ganz klein machen und wie der Wind rennen, also all das, was zu einem typischen Jump´n´run-Spiel dazugehört. Beim Springen erfordert die Steuerung allerdings ein wenig Feingefühl, denn bei leichtem Drücken des Sprungbuttons macht Gomez nur kleine Hüpfer. Um hoch und weit zu springen, muss man schon richtig fest auf die Taste drücken, und am besten vorher noch etwas Anlauf nehmen. Das Springen will also richtig gelernt sein, zumal die Gegner ebenfalls mit einem gezielten Sprung auf den Kopf besiegt werden. Manchmal empfiehlt es sich sogar von einem Gegner zum nächsten zu springen, denn auf diese Weise kann Gomez noch ein wenig mehr an Höhe gewinnen und eventuell etwas höher gelegene, schwer zugängliche Plattformen erreichen. Alternativ können die Gegner aber auch mit einem Degen oder Wurfsteinen erledigt werden, falls man sie auf seinen Streifzügen irgendwo aufstöbert und sie lange genug behalten kann. Wird man nämlich getroffen, sind die Zusatzwaffen sofort weg. Das gleiche gilt für die Turnschuhe, welche die Laufgeschwindigkeit erhöhen. Neben diesen drei Gebrauchsgegenständen gibt es noch zeitlich begrenzte Schutzschilder, eine lustige Flugmütze, Fezi-copter genannt, die überall im Spiel verstreuten Dollars sowie die meist gut versteckten Extra-Leben. Die Dollars sollte man immer fleißig aufsammeln, da man für 25 Stück einen verlorenen Lebenspunkt und für 100 ein Extraleben erhält. Von den Extra-Leben kann man eh nie genug haben und zum Glück lassen sich bei "The Addams Family" unheimlich viele davon finden. Die ganze Spielwelt ist regelrecht mit unsichtbaren Türen und Plattformen, Geheimgängen, Schaltern, Bonusräumen und sogar Abkürzungen vollgestopft! Mehr Secrets passen in ein einziges Spiel wirklich nicht mehr rein! Selbst im Continue-Bildschirm sind Extra-Leben versteckt! Die Suche nach den unzähligen Extra-Goodies macht einen Großteil des Reizes dieses Spieles aus und hält den Spieler ständig bei guter Laune. In dieser Hinsicht ist "The Addams Family" eine absolute Referenz.

Meine ersten Erfahrungen mit "The Addams Family" habe ich auf dem Commodore Amiga direkt nach der Veröffentlichung des Spieles machen dürfen. Als großer Fan der alten Fernsehserie und vom ersten Kinofilm sehr angetan, fand ich sehr viel Gefallen an diesem Jump´n´run. Später bin ich auch noch in den Genuss der originalen Super Nintendo- und der von Flying Edge konvertierten Sega Mega Drive-Version gekommen. Alle drei Versionen sind sich sehr ähnlich und unterscheiden sich eigentlich bloß geringfügig im Design. Dennoch fällt die Amiga-Umsetzung optisch etwas negativ auf, da sie im Gegensatz zu den beiden Konsolen-Versionen unverständlicherweise keine Hintergrundgrafiken aufweist. Vielleicht wollte Ocean an dieser Stelle Zeit und Geld sparen, technisch wäre es mit Sicherheit machbar gewesen. Die beiden Waffen, der Degen und die Wurfsteine, wurden ebenfalls wegrationalisiert, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass die meisten Joysticks programmiertechnisch betrachtet eigentlich nur einen einzigen Button hatten. Aber auch das Amiga-Spiel macht auf jeden Fall sehr viel Spaß und kann zumindest mit der besten musikalischen Kulisse aufwarten. Auf diesem Gebiet schneidet nämlich die Super Nintendo-Version am schlechtesten ab, was jedoch durch die sehr bunten Grafiken und Hintergründe wettgemacht wird. Die Mega Drive-Variante steht irgendwo zwischen den beiden anderen Versionen - gute Grafik, wenn auch nicht so gut wie auf dem Super Nintendo, nette Musik, wenn auch nicht so schön wie auf dem Amiga - aber alles in allem vermittelt sie einen sehr sauberen ersten Eindruck, der konstant aufrechterhalten wird, wodurch sie meine bevorzugte Version dieses Spieles ist.

Lange Rede, kurzer Sinn. In meinen Augen sind alle drei Versionen gleichermaßen gut gelungen. Das Spiel ist leicht zugänglich und nicht zu schwer, wenn nicht sogar ein wenig zu leicht. Es macht allerdings unheimlich viel Spaß, so dass jeder Addams-Fan wunschlos unglücklich mit dieser Software sein müsste, um es mal mit den Worten eines Addams auszudrücken. Wenn man wie ich ein Addams-Fan ist und die abnormal makabren sowie grotesken Sitten und Gebräuche dieser Sippe mag, dann hat man hier auf jeden Fall ein Zehn-Punkte-Spiel vorliegen. =) Da ich aber ein wenig objektiv beim Bewerten bleiben muss, werden tatsächlich nur neun Pixel-Heroes-Punkte auf das gut betuchte Addams-Konto gutgeschrieben, denn das Spiel entspricht sicherlich nicht jedermanns Geschmack.

"The Addams Family" gibt es außerdem noch für einige andere Systeme (C-64, Amstrad CPC, Game Gear, Game Boy und PC-Engine), aber all diese anderen Umsetzungen haben spielerisch nichts gemeinsam mit den hier besprochenen Versionen und werden sich wohl auf kurz oder lang einem separaten Test meinerseits stellen müssen, auch wenn ich jetzt schon sagen kann, dass sie auf jeden Fall viel schlechter abschneiden werden.