Wenn es um gut gepflegten schwarzen Humor geht, dann ist man, dessen bin
ich mir vollkommen sicher, bei den Addams am besten aufgehoben. Bereits
im Jahre 1938 vom Zeichner Charles Addams als satirische Umkehrung der
idealen amerikanischen Kernfamilie (In der Regel aus den Eltern und ihren
Kindern bestehend. Im Englischen wurde dafür der Begriff "Nuclear
Family" geprägt, was sich etwas seltsam und zweideutig anhört.)
erdacht und gezeichnet, erfreute sich die etwas andere und scheinbar total
durchgeknallte Gruftie-Familie, welche anfangs noch ganz ohne Namen und
komplexe Beziehungen zueinander auskommen musste, seit dem Erscheinen
der witzigen Fernsehserie in den 60ern einer großen Beliebtheit,
wodurch sie Kultstatus erlangte. Da genau diese drei Staffeln mit insgesamt
64 Folgen umfassende schwarz-weiß Serie seit kurzem komplett auf
drei DVD-Box-Sets endlich bei uns im Land der Spätzünder zu
haben ist (Wodurch ein großer Wunsch von mir in Erfüllung ging!),
möchte ich aus diesem Anlass den interessierten Pixel-Heroes-Lesern
die Addams-Videospiele vorstellen. Das erste Addams Family-Spiel, mit
dem ich mich hier befassen möchte, hört auf den schlichten und
unverwechselbaren Namen "The Addams Family" und ist eine freie
Interpretation des ersten gleichnamigen und sehr erfolgreichen Kinostreifens
von Barry Sonnenfeld aus dem Jahre 1991 mit u.a. Raul Julia als Gomez,
Anjelica Huston als Morticia sowie der damals noch jungen Christina Ricci
als Wednesday in den Hauptrollen. Ergänzend sei an dieser Stelle
noch erwähnt, dass es noch einen zweiten gleichermaßen hochqualitativen
Kinofilm, "Addams Family Values" bzw. "Die Addams Family
in verrückter Tradition", vom gleichen Regisseur und mit gleicher
Besetzung aus dem Jahre 1993 gibt sowie einen nachfolgenden, aber meiner
Ansicht nach miesen Videofilm von einem anderen Regisseur und mit anderer
Besetzung aus dem Jahre 1998, der als "Addams Family Reunion"
bzw. bei uns als "Die Addams Family und die lieben Verwandten"
betitelt wurde. Zudem gibt es noch eine ebenfalls nicht so berauschende
Zeichentrickserie und eine neuere Fernsehserie, die mangels Erfolg nach
kurzer Zeit wieder abgesetzt wurde. Nun aber schnell zum Spiel.
Der markanteste Charakterzug der spielbaren Ausgabe von "The Addams
Family" ist die Darstellung der Spielfigur Gomez Addams, seines
Zeichens Oberhaupt der Familie und Meister des Makabren. Die in Small-Design,
mit übergroßem Kopf gezeichnete Spielfigur fällt vor
allem durch das dauerhafte, von einem Schnauzer verzierte breite Grinsen
auf, das wohl durch John Astin, den Schauspieler der Originalserie,
fest und unauslöschlich in das Charakterprofil von Gomez eingebrannt
wurde. Wie im Film wollen auch hier zwielichtige Gestalten sich das
Addams-Vermögen unter den Nagel reißen, weswegen die Addams
Family durch einen dubiosen Gerichtsbeschluss des Hauses verwiesen wird.
Aber die Addams wären nicht die Addams, wenn sie dies einfach so
hinnehmen würden. Um Gomez zu erpressen, werden daher fast alle
Familienmitglieder als Geiseln genommen (hier endet auch schon die Parallele
zum Film) und irgendwo auf dem Anwesen versteckt gehalten. In der Form
eines sehr klassischen Jump´n´run-Spieles liegt es nun an
Gomez seine Familie zu retten und den Übeltätern zu zeigen,
was es heißt sich mit den Addams anzulegen.
Auf der Suche nach seinen Familienangehörigen muss man das gruselige
und weitläufige Addams-Anwesen durchqueren, das direkt dadurch
besonders positiv auffällt, dass es als eine einzige große
Spielwelt angelegt und nicht in separate Levels unterteilt ist, wie
man es von anderen Spielen her kennt. In dieser Spielwelt hat man die
uneingeschränkte Freiheit sich überall dorthin wenden zu können,
wo man möchte. Man darf also nach Herzenslust die nähere Umgebung
des Hauses erkunden, im Kamin stöbern, über den Friedhof wandern,
unter der Erde nachsehen, die Familiengruft in Augenschein nehmen und
natürlich das Haus unsicher machen. In der Treppenhalle des Gruselhauses
findet man auch mehrere Türen, welche in die aus der Fernsehserie
und den Kinofilmen bekannten Räumlichkeiten führen. Diese
sind mit vielen seltsamen Bewohnern und Objekten gespickt, wie z.B.
dem beißenden Eisbärenfell sowie fiesen Fallen, die es natürlich
ohne Verluste zu besiegen bzw. zu umgehen gilt.
Um sich gegen die vielen Gefahren des Spieles behaupten zu können,
kann Gomez auf die althergebrachte Art und Weise in die Luft hüpfen,
sich durch Abducken ganz klein machen und wie der Wind rennen, also
all das, was zu einem typischen Jump´n´run-Spiel dazugehört.
Beim Springen erfordert die Steuerung allerdings ein wenig Feingefühl,
denn bei leichtem Drücken des Sprungbuttons macht Gomez nur kleine
Hüpfer. Um hoch und weit zu springen, muss man schon richtig fest
auf die Taste drücken, und am besten vorher noch etwas Anlauf nehmen.
Das Springen will also richtig gelernt sein, zumal die Gegner ebenfalls
mit einem gezielten Sprung auf den Kopf besiegt werden. Manchmal empfiehlt
es sich sogar von einem Gegner zum nächsten zu springen, denn auf
diese Weise kann Gomez noch ein wenig mehr an Höhe gewinnen und
eventuell etwas höher gelegene, schwer zugängliche Plattformen
erreichen. Alternativ können die Gegner aber auch mit einem Degen
oder Wurfsteinen erledigt werden, falls man sie auf seinen Streifzügen
irgendwo aufstöbert und sie lange genug behalten kann. Wird man
nämlich getroffen, sind die Zusatzwaffen sofort weg. Das gleiche
gilt für die Turnschuhe, welche die Laufgeschwindigkeit erhöhen.
Neben diesen drei Gebrauchsgegenständen gibt es noch zeitlich begrenzte
Schutzschilder, eine lustige Flugmütze, Fezi-copter genannt, die
überall im Spiel verstreuten Dollars sowie die meist gut versteckten
Extra-Leben. Die Dollars sollte man immer fleißig aufsammeln,
da man für 25 Stück einen verlorenen Lebenspunkt und für
100 ein Extraleben erhält. Von den Extra-Leben kann man eh nie
genug haben und zum Glück lassen sich bei "The Addams Family"
unheimlich viele davon finden. Die ganze Spielwelt ist regelrecht mit
unsichtbaren Türen und Plattformen, Geheimgängen, Schaltern,
Bonusräumen und sogar Abkürzungen vollgestopft! Mehr Secrets
passen in ein einziges Spiel wirklich nicht mehr rein! Selbst im Continue-Bildschirm
sind Extra-Leben versteckt! Die Suche nach den unzähligen Extra-Goodies
macht einen Großteil des Reizes dieses Spieles aus und hält
den Spieler ständig bei guter Laune. In dieser Hinsicht ist "The
Addams Family" eine absolute Referenz.
Meine ersten Erfahrungen mit "The Addams Family" habe ich
auf dem Commodore Amiga direkt nach der Veröffentlichung des Spieles
machen dürfen. Als großer Fan der alten Fernsehserie und
vom ersten Kinofilm sehr angetan, fand ich sehr viel Gefallen an diesem
Jump´n´run. Später bin ich auch noch in den Genuss
der originalen Super Nintendo- und der von Flying Edge konvertierten
Sega Mega Drive-Version gekommen. Alle drei Versionen sind sich sehr
ähnlich und unterscheiden sich eigentlich bloß geringfügig
im Design. Dennoch fällt die Amiga-Umsetzung optisch etwas negativ
auf, da sie im Gegensatz zu den beiden Konsolen-Versionen unverständlicherweise
keine Hintergrundgrafiken aufweist. Vielleicht wollte Ocean an dieser
Stelle Zeit und Geld sparen, technisch wäre es mit Sicherheit machbar
gewesen. Die beiden Waffen, der Degen und die Wurfsteine, wurden ebenfalls
wegrationalisiert, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass
die meisten Joysticks programmiertechnisch betrachtet eigentlich nur
einen einzigen Button hatten. Aber auch das Amiga-Spiel macht auf jeden
Fall sehr viel Spaß und kann zumindest mit der besten musikalischen
Kulisse aufwarten. Auf diesem Gebiet schneidet nämlich die Super
Nintendo-Version am schlechtesten ab, was jedoch durch die sehr bunten
Grafiken und Hintergründe wettgemacht wird. Die Mega Drive-Variante
steht irgendwo zwischen den beiden anderen Versionen - gute Grafik,
wenn auch nicht so gut wie auf dem Super Nintendo, nette Musik, wenn
auch nicht so schön wie auf dem Amiga - aber alles in allem vermittelt
sie einen sehr sauberen ersten Eindruck, der konstant aufrechterhalten
wird, wodurch sie meine bevorzugte Version dieses Spieles ist.
Lange Rede, kurzer Sinn. In meinen Augen sind alle drei Versionen gleichermaßen
gut gelungen. Das Spiel ist leicht zugänglich und nicht zu schwer,
wenn nicht sogar ein wenig zu leicht. Es macht allerdings unheimlich
viel Spaß, so dass jeder Addams-Fan wunschlos unglücklich
mit dieser Software sein müsste, um es mal mit den Worten eines
Addams auszudrücken. Wenn man wie ich ein Addams-Fan ist und die
abnormal makabren sowie grotesken Sitten und Gebräuche dieser Sippe
mag, dann hat man hier auf jeden Fall ein Zehn-Punkte-Spiel vorliegen.
=) Da ich aber ein wenig objektiv beim Bewerten bleiben muss, werden
tatsächlich nur neun Pixel-Heroes-Punkte auf das gut betuchte Addams-Konto
gutgeschrieben, denn das Spiel entspricht sicherlich nicht jedermanns
Geschmack.
"The Addams Family" gibt es außerdem noch für
einige andere Systeme (C-64, Amstrad CPC, Game Gear, Game Boy und PC-Engine),
aber all diese anderen Umsetzungen haben spielerisch nichts gemeinsam
mit den hier besprochenen Versionen und werden sich wohl auf kurz oder
lang einem separaten Test meinerseits stellen müssen, auch wenn
ich jetzt schon sagen kann, dass sie auf jeden Fall viel schlechter
abschneiden werden.
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