Alfred Chicken
Jump´n´run

Minrod
Juni 09
 

Nach meinem Geschmack gehören Hühnchen gut gegrillt auf den Mittagstisch oder in Form einer leckeren Hühner-Brühe in die Suppe. Als Helden in einem Videospiel kann man sie sich deshalb nur schwerlich vorstellen. Eine Hühnerbrust mit Superkräften, das klingt doch irgendwie lächerlich, oder? Mindscape hat dies vor ca. 16 Jahren jedoch ganz anders gesehen und erhob mit "Alfred Chicken" einen roten Gockel in den Heldenstand.

Dem Titel des Spieles entsprechend heißt das mutige Federvieh Alfred und geht als einziger Hahn mit einem bionischen Schnabel in die Geschichte ein. Als Billy-Egg, seine Brüder und obendrein noch Alfreds Freundin von den bösen Mecha-Chickens zwecks böser Klon-Experimente entführt werden, flattert er ohne Wenn und Aber, um sie den Krallen der wirklich bösen Blech-Hähnchen zu entreißen.

Zugegeben, das alles kling nicht unbedingt verlockend, genau wie das bunte Cover mit dem riesigen Huhn. Ehrlich gesagt hätte ich mir das Spiel auch nie gekauft, wäre es nicht zufällig in einem von mir erstandenen CD32-Spielepaket mit dabei gewesen. Einmal angespielt lag es dann geschlagene zwei Jahre unberührt im Schrank, bevor es aus irgendeinem Impuls heraus wieder den Weg in das Laufwerk meiner CD32-Konsole fand. Da ich an diesem Tag nichts Besseres zu tun hatte, fing ich an mich ernsthaft mit dem Spiel zu befassen. Und zu meiner großen Verwunderung hat es mich in den Bann gezogen!

"Alfred Chicken" für den Commodore Amiga ist nämlich ein unheimlich farbenfrohes Jump´n´run, besonders in der AGA- und CD32-Fassung. Die elf transdimensionalen Spielabschnitte fallen aber nicht nur bunt sondern auch extrem unterhaltsam aus. Ziel eines jeden Spielabschnitts ist es, alle verstreuten Luftballons steigen zu lassen, um so die Weltraumstation von Mr. Pekles zu erreichen. Er sitzt in einem Blumentopf und ist unser einziger Helfer. Nach jedem erfolgreich bestandenen Level teleportiert er Alfred in den nächsten. Er steht uns aber auch während der beschwerlichen Odyssey zur Seite, sofern man seine in jedem Level extrem gut versteckte Geheimkammer aufzuspüren vermag. Dort verwöhnt er Alfred mit Erdbeermarmelade, die anschließend als Wurfmunition missbraucht wird. Darüber hinaus warten auf den pfiffigen Spieler noch viele andere Geheimnisse. So dürfen Gießkannen für Mr. Pekles aufgespürt, zig bemannte Eierbecher gerettet und Diamanten sowie Bonus-Chips eingesammelt werden. Unsichtbare Plattformen, Geheimgänge sowie zahlreiche Fallen machen die Suche nach den begehrten Bonusgegenständen jedoch nicht ganz leicht. Als Belohnung für all die Mühen winken natürlich Zusatzleben, von denen man nie genug haben kann. "Alfred Chicken" ist mit Sicherheit kein leichtes Spiel. Das Leveldesign ist wohl durchdacht und sehr abwechslungsreich, die Aufgaben immer fordernd, aber niemals unfair. Man fühlt sich deshalb niemals unter- wie auch überfordert. Besonders erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die zahlreichen Rätsel, die nicht nur Alfreds Schnabel- und Flügeltechnik, sondern auch das Köpfchen des Spielers beanspruchen. Zwei Stellen im Spiel können dem einen oder anderen aber trotz allem zum Verhängnis werden. Hier läuft man dem sich nach oben fressenden Terrasawus davon, der einer riesigen Kettensäge gleich alles auf seinem Weg vernichtet. Da der Zeitdruck enorm ist, muss man sich diese Stellen besonders gut einprägen, was am Anfang mit einem massiven Lebensverlust zusammenhängt. Um das Spiel beenden zu können, sind schon einige Anläufe von Nöten. Einen weiteren kleinen Minuspunkt stellen die Bosskämpfe dar, von denen es nur drei gibt. Sie ähneln einem recht nüchternen Shoot´em up und sind den üblichen Bonusrunden, bei denen man auf dem Flug zu Mr. Pekles Weltraumstation verschnürte Pakete einsammeln muss, vorgelagert. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie erst nachträglich eingebaut wurden, um einfach den allgemeinen Kurs der Videospielindustrie einzuhalten.

Trotz des positiven Gesamteindrucks sowie einer anständigen und sauberen technischen Präsentation dürfte sich "Alfred Chicken" seinerzeit nicht allzu gut verkauft haben. Wie erklärt man sich sonst die überall angebotenen, noch verschweißten Exemplare des Spieles für den CD32? Gut, der generelle Misserfolg der Konsole mag ein Grund dafür sein, denn wie fast alle CD32-Spiele, unterscheidet sich "Alfred Chicken" auch nur in der Musikqualität von den normalen Amiga-Fassungen. Das Hauptproblem stellt meiner Meinung nach der Held dar. Auch wenn Alfred toll animiert ist und einiges auf dem Kasten hat, ist er in erste Linie ein Hahn. Und wer bitteschön will sich mit einem potenziellen Grillhähnchen identifizieren? Wohl niemand. Gut zubereitet mag er zwar köstlich schmecken, er ist aber alles andere als cool. In einer Zeit, in der ein blauer Igel sowie ein gewisser Klempner in Höchstform waren, stand Alfred mit seiner schmächtigen Hühnerbrust auf verlorenem Posten. Denn auch ich konnte mich damals für einen stinknormalen Gockel nicht begeistern. Heute möchte ich ihn dennoch jedem Jump´and´run-Liebhaber empfehlen, natürlich nicht nur als leckere Mittagsspeise sondern auch als Videospiel mit einem hohen Unterhaltungswert. Für den günstigen Preis von ca. 2-3€ sollte man als Amiga-Fan "Alfred Chicken" keinesfalls missen.