Nach meinem Geschmack gehören Hühnchen gut gegrillt auf den
Mittagstisch oder in Form einer leckeren Hühner-Brühe in die
Suppe. Als Helden in einem Videospiel kann man sie sich deshalb nur schwerlich
vorstellen. Eine Hühnerbrust mit Superkräften, das klingt doch
irgendwie lächerlich, oder? Mindscape hat dies vor ca. 16 Jahren
jedoch ganz anders gesehen und erhob mit "Alfred Chicken" einen
roten Gockel in den Heldenstand.
Dem Titel des Spieles entsprechend heißt das mutige Federvieh
Alfred und geht als einziger Hahn mit einem bionischen Schnabel in die
Geschichte ein. Als Billy-Egg, seine Brüder und obendrein noch
Alfreds Freundin von den bösen Mecha-Chickens zwecks böser
Klon-Experimente entführt werden, flattert er ohne Wenn und Aber,
um sie den Krallen der wirklich bösen Blech-Hähnchen zu entreißen.
Zugegeben, das alles kling nicht unbedingt verlockend, genau wie das
bunte Cover mit dem riesigen Huhn. Ehrlich gesagt hätte ich mir
das Spiel auch nie gekauft, wäre es nicht zufällig in einem
von mir erstandenen CD32-Spielepaket mit dabei gewesen. Einmal angespielt
lag es dann geschlagene zwei Jahre unberührt im Schrank, bevor
es aus irgendeinem Impuls heraus wieder den Weg in das Laufwerk meiner
CD32-Konsole fand. Da ich an diesem Tag nichts Besseres zu tun hatte,
fing ich an mich ernsthaft mit dem Spiel zu befassen. Und zu meiner
großen Verwunderung hat es mich in den Bann gezogen!
"Alfred Chicken" für den Commodore Amiga ist nämlich
ein unheimlich farbenfrohes Jump´n´run, besonders in der
AGA- und CD32-Fassung. Die elf transdimensionalen Spielabschnitte fallen
aber nicht nur bunt sondern auch extrem unterhaltsam aus. Ziel eines
jeden Spielabschnitts ist es, alle verstreuten Luftballons steigen zu
lassen, um so die Weltraumstation von Mr. Pekles zu erreichen. Er sitzt
in einem Blumentopf und ist unser einziger Helfer. Nach jedem erfolgreich
bestandenen Level teleportiert er Alfred in den nächsten. Er steht
uns aber auch während der beschwerlichen Odyssey zur Seite, sofern
man seine in jedem Level extrem gut versteckte Geheimkammer aufzuspüren
vermag. Dort verwöhnt er Alfred mit Erdbeermarmelade, die anschließend
als Wurfmunition missbraucht wird. Darüber hinaus warten auf den
pfiffigen Spieler noch viele andere Geheimnisse. So dürfen Gießkannen
für Mr. Pekles aufgespürt, zig bemannte Eierbecher gerettet
und Diamanten sowie Bonus-Chips eingesammelt werden. Unsichtbare Plattformen,
Geheimgänge sowie zahlreiche Fallen machen die Suche nach den begehrten
Bonusgegenständen jedoch nicht ganz leicht. Als Belohnung für
all die Mühen winken natürlich Zusatzleben, von denen man
nie genug haben kann. "Alfred Chicken" ist mit Sicherheit
kein leichtes Spiel. Das Leveldesign ist wohl durchdacht und sehr abwechslungsreich,
die Aufgaben immer fordernd, aber niemals unfair. Man fühlt sich
deshalb niemals unter- wie auch überfordert. Besonders erwähnenswert
sind in diesem Zusammenhang die zahlreichen Rätsel, die nicht nur
Alfreds Schnabel- und Flügeltechnik, sondern auch das Köpfchen
des Spielers beanspruchen. Zwei Stellen im Spiel können dem einen
oder anderen aber trotz allem zum Verhängnis werden. Hier läuft
man dem sich nach oben fressenden Terrasawus davon, der einer riesigen
Kettensäge gleich alles auf seinem Weg vernichtet. Da der Zeitdruck
enorm ist, muss man sich diese Stellen besonders gut einprägen,
was am Anfang mit einem massiven Lebensverlust zusammenhängt. Um
das Spiel beenden zu können, sind schon einige Anläufe von
Nöten. Einen weiteren kleinen Minuspunkt stellen die Bosskämpfe
dar, von denen es nur drei gibt. Sie ähneln einem recht nüchternen
Shoot´em up und sind den üblichen Bonusrunden, bei denen
man auf dem Flug zu Mr. Pekles Weltraumstation verschnürte Pakete
einsammeln muss, vorgelagert. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren,
dass sie erst nachträglich eingebaut wurden, um einfach den allgemeinen
Kurs der Videospielindustrie einzuhalten.
Trotz des positiven Gesamteindrucks sowie einer anständigen und
sauberen technischen Präsentation dürfte sich "Alfred
Chicken" seinerzeit nicht allzu gut verkauft haben. Wie erklärt
man sich sonst die überall angebotenen, noch verschweißten
Exemplare des Spieles für den CD32? Gut, der generelle Misserfolg
der Konsole mag ein Grund dafür sein, denn wie fast alle CD32-Spiele,
unterscheidet sich "Alfred Chicken" auch nur in der Musikqualität
von den normalen Amiga-Fassungen. Das Hauptproblem stellt meiner Meinung
nach der Held dar. Auch wenn Alfred toll animiert ist und einiges auf
dem Kasten hat, ist er in erste Linie ein Hahn. Und wer bitteschön
will sich mit einem potenziellen Grillhähnchen identifizieren?
Wohl niemand. Gut zubereitet mag er zwar köstlich schmecken, er
ist aber alles andere als cool. In einer Zeit, in der ein blauer Igel
sowie ein gewisser Klempner in Höchstform waren, stand Alfred mit
seiner schmächtigen Hühnerbrust auf verlorenem Posten. Denn
auch ich konnte mich damals für einen stinknormalen Gockel nicht
begeistern. Heute möchte ich ihn dennoch jedem Jump´and´run-Liebhaber
empfehlen, natürlich nicht nur als leckere Mittagsspeise sondern
auch als Videospiel mit einem hohen Unterhaltungswert. Für den
günstigen Preis von ca. 2-3€ sollte man als Amiga-Fan "Alfred
Chicken" keinesfalls missen.
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