Arx Fatalis
RPG

Minrod
Juli 04
 

Arx Fatalis erschien zeitgleich mit einer Vielzahl an anderen großen bekannten PC-Rollenspielen wie zum Beispiel Morrowind oder Neverwinter Nights und ist aufgrund des Massenaufgebotes und mangelnder Vermarktung irgendwie total untergegangen. Und dies leider völlig zu unrecht, denn das Spiel konnte und kann immer noch mit der Konkurrenz ohne große Probleme Schritt halten.

In einer Welt, deren Sonne vor einiger Zeit vollständig erlosch, handelt das Spiel vom Schicksal der Stadt Arx, die kurz vor der Vereisung der Oberfläche mit gemeinsamen Kräften aller bekannten Völker unter die Erde verlegt wurde. Die genaue Geschichte des Unglücks von Arx wird in einem schönen Intro mit einer makellosen Sprachausgabe erzählt, die jeden RPG-Spieler mit höchsten Erwartungen erfüllt. Sie endet jedoch plötzlich, als der Sprecher, kein Geringerer als der Hofastrologe von Arx, plötzlich aus dem Hinterhalt von einem Rattenmenschen ermordet wird. Somit bleibt die Erzählung unvollständig und die neuen unheilvollen Vorahnungen im Dunkeln verborgen...

Und an dieser Stelle betritt der Spieler die Bühne der unterirdischen Welt von Arx. Halb nackt, ohne Hab und Gut und was das schlimmste ist, ohne Gedächtnis, wachen wir in einem Goblingefängnis auf. Jedoch nicht ohne sich vorher einen Helden erstellt zu haben. Leider, leider gibt es hierbei nur einen einzigen Charakter mit vier unterschiedlichen Gesichtsvarianten zur Auswahl. Dies ist mehr als wenig und einer der wenigen negativen Kritikpunkte von Arx Fatalis. In Anbetracht der zahlreichen Völker, die in der Welt um Arx leben, ist dies sehr schade. Eine weibliche Ausführung ist genauso wenig vertreten, was zur Missgunst von RPG-Spielerinnen führen kann. Dies ist wohl damit zu begründen, dass der Held im Verlauf des Abenteuers sehr oft in aufwendigen grafischen und akustischen Zwischensequenzen dargestellt wird, die in zigfachen Ausführungen den Rahmen sprengen würden. Hat man sich für ein Aussehen seiner Wahl entschieden, so gilt es nur noch einige Punkte in die vier primären Attribute wie Stärke, Intelligenz, Geschicklichkeit und Konstitution sowie in die neun vorhandenen Fertigkeiten zu verteilen. Aufgrund der Fertigkeiten sind an sich drei Charakterklassen möglich: Krieger, Magier und Dieb. Eine Spezialisierung in eine dieser Richtungen gestaltet sich beim ersten Durchlauf aber besonders schwierig, denn in den zahlreichen Dungeons des Spieles werden irgendwann mal alle Fertigkeiten abgefragt. Zwar gibt es Items wie zum Beispiel Zauberrollen, die bestimmte Fertigkeiten umgehen, sie lassen den Spieler beim falschen Einsatz jedoch hilflos zurück. Eine Mischung aus allen drei Klassen ist also für den ersten Versuch am sinnvollsten, denn Zaubern, Kämpfen und Truhen knacken muss man hier immer. Ist auch dies erledigt, startet man das Spiel als Gefangener in einer kleinen Zelle, aus der es zunächst zu entkommen gilt.

Das Spiel präsentiert sich komplett aus der Ich-Perspektive und ist mit Ultima Underworld, Gothic oder sogar etwas mit Dark Projekt (Man kann auch als reiner Dieb spielen!) zu vergleichen. Die realistische und sehr detaillierte Umgebung der Zelle fällt dabei besonders ins Auge. Sich mit der Umgebung vertraut gemacht, fangen wir ein Gespräch mit einem Mitgefangenen an, der uns etwas über die missliche Lage aufklärt. Mit dem vorhandenen Tutorial, das uns über den Anfang hinweg begleitet, ist es ein Leichtes aus der Zelle auszubrechen und die vorhandene Goblinwache mit einem Knochen zu erschlagen, denn dies ist die einzige Waffe, die uns am Anfang zur Verfügung steht. Das Kämpfen gestaltet sich dabei sehr leicht. Während man sich mit dem Keyboard bewegt und ausweicht, führt man mit dem linken Mausknopf die Attacken aus. Von seinem Mitgefangenen, einem Mitglied der Gilde der Reisenden, bekommt man den Namen "Am Shaegar" verpasst, der in einer alten Sprache "Der Mann ohne Namen" bedeuten soll. Nach dem wir einige nützliche Dinge (man kann hier fast alles an sich nehmen) in das sehr übersichtliche Inventar verstauen, betreten wir durch eine Falltür ein dunkles Gewölbe.

Die dunkle und bedrückende Kulisse wirkt hier sehr lebendig, wird sie durch das Pfeifen des Windes, dem Plätschern von Wasser und anderen Geräuschen noch erheblich unterstrichen. Auch wenn das ganze Abenteuer unter der Erde stattfindet, glänzt Arx Fatalis durch unzählige unterschiedliche Schauplätze, die über ganze acht Ebenen verteilt sind und von der recht freundlichen Stadt Arx über verzweigte Höhlensysteme bis hin zu gefährlichen Orten wie der Krypta oder dem Nest der Rattenmenschen führen. Wie dem auch sei, am Anfang tasten wir uns mehr oder weniger durch einige dunkle Gänge, die hier und da durch einen Lichtspalt beleuchtet werden. Erst nach dem Durchsuchen einer Leiche sind wir in der Lage Licht ins Dunkel zu bringen, indem wir die ersten zwei gefundenen Runensteine benutzen.

Damit lässt sich der erste einfache Zauber bewirken. Die Magie stellt bei Arx Fatalis einen sehr wichtigen Bestandteil des Spieles dar, gestaltet sich eine Lösung ohne sie doch äußerst schwierig. Wie bereits erwähnt, basiert die Ausübung auf Runensteinen, indem man die Zeichen auf den Steinen in der Luft mit brennenden Lettern nachahmt. Dazu muss man mit dem Mauszeiger wahrlich die Symbole nachzeichnen, was sich am Anfang als besonders schwierig darstellt, war man bislang gewohnt einen gewählten Zauber mit nur einem Mausknopf auszuüben. Diese aktive Handhabung macht das Zaubern besonders realistisch und gibt ihm eine besondere Note. Schlichtweg eine geniale Idee, auch wenn in der Hitze des Gefechts das Zaubern nur wirklich geschickten Spielern zu empfehlen ist. Zum Glück kann man sich drei Zauber merken und sie dann doch noch mit nur einem Knopfdruck auslösen. Die Lichteffekte beim Zaubern und deren Wirkung sind besonders schön anzusehen, bekommt man die Umgebung dadurch in allen möglichen Lichtvarianten zu sehen. Besonders erwähnenswert ist an dieser Stelle der Nachtsicht-Zauber, der uns ermöglicht mit Hilfe der Infravision zu sehen und die ganze Umgebung in schwarz-rötlichen Farben zeigt.

Sich mit der Magie etwas vertraut gemacht, zünden wir die vorhandenen Fackeln an und machen uns auf die Suche nach einem Ausweg. Über einige kleine Umwege hinweg führt uns der Weg in den Goblinaußenposten, aus dem es zu entfliehen gilt. Viele Goblins machen uns die Sache nicht leicht, denn mit der mageren Ausrüstung, einer schäbigen Lederhose und einer Goblinkeule, sind die Kämpfe zunächst nicht ganz so leicht. So ist es eher ratsam, sich von Schatten zu Schatten zu schleichen, um mögliche Konfrontationen zu vermeiden. Dabei kommt man eventuell in den Genuss eines oder mehrerer schlechter Goblinwitze oder gelangt an einige interessante Informationen.

Die KI der unterschiedlichen NP-Charaktere im Spiel ist erstaunlich gut gelungen. Die Charaktere besitzen jeweils eine Vielzahl von unterschiedlichen Verhaltensmustern und erscheinen nicht immer gleich. Auch im Kampf agieren sie intelligent, sind aggressiv in der Überlegenheit oder ergreifen in Bedrängnis die Flucht und kehren erst mit Hilfe zurück, sofern möglich. Grafisch sind sie alle sehr gut gelungen, ob Mensch, Goblin oder Troll. Gesichtsspiele und passende Stimmen vermitteln ein gewisses Gefühl der Lebendigkeit.

Sich aus dem Goblinaußenposten bis nach Arx durchschlagend, erfahren wir einiges über die Welt um uns herum und bekommen einen kleinen Vorgeschmack auf die umfassenden Dungeons, die noch vor uns liegen. Diese wurden wahrlich riesig und kompliziert entworfen und weisen sehr viele Rätsel auf. Wenn ich darüber so nachdenke, dann möchte ich sogar behaupten, dass der Schwerpunkt dieses Rollenspieles wirklich auf den Rätseln liegt. Ob einfache Hebelrätsel, mathematische Kopfnüsse oder komplexe Illusionspassagen, Arx Fatalis bietet alles was ein echtes Rollenspiel in dieser Hinsicht ausmacht und ist somit reinen Anfängern nicht unbedingt zu empfehlen. Denn man sieht sich meistens eher von einer verschlossenen Tür als von irgendeinem gefährlichen Monster behindert.

Nach einiger Zeit erlangen wir unser Gedächtnis wieder und finden uns als Mittelpunkt eines dunklen Komplotts zur Erweckung des bösen Gottes Akbaa wieder. Mehr wird an dieser Stelle aber nicht verraten, denn schließlich sollten alle Rollenspielbegeisterten das Spiel selbst ausprobieren. Ein besseres Old-School-RPG in einem fast perfekten technischen Gewand wird man heute kaum finden. Bei dem mittlerweile vorliegenden Low-Budget-Preis von nur 9,99€ sieht man über die mangelnde Charakterauswahl und einige kleine grafische Mängel großzügig hinweg. Das gute Spieldesign und die tolle düstere Atmosphäre machen Arx Fatalis zu einem echten Leckerbissen.