Astro Boy - Omega Factor
Action

Minrod
Juli 05
 

Astro Boy von Osamu Tezuka ist mit Sicherheit jedem Manga- und Animeliebhaber hierzulande ein Begriff, gehört die Geschichte um den mutigen Roboterjungen Astro doch zu den ältesten der Zunft. Bereits Anfang der fünfziger Jahre hat Astro Boy in Japan unter dem Namen Tetsuwan Atom, was so viel wie Atom mit dem Eisenarm heißt, für Furore gesorgt und wird als einer der Grundsteine der heutigen Manga- und Animeszene angesehen. Osamu Tezuka ist somit ein Pionier dieser Kunstrichtung, die lange Zeit nur in Japan bekannt war. Trotz des sehr hohen Alters und des damit verbundenen Bekanntheitsgrades hat man in der heutzutage immer mehr bedeutenden Videospielebranche diesem wichtigen Charakter nur ganz wenig Beachtung geschenkt. In Europa, meines Wissens nach, überhaupt nicht, bis ich vor kurzem das Spiel "Astro Boy - Omega Factor" für den Game Boy Advance in die Hände bekam. Von Hitmaker und Sega entwickelt und von Treasure, die bekanntermaßen vorwiegend japanische Perlen nach Europa importieren, veröffentlicht, konnte es sich hierbei nur um ein Top-Spiel handeln.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil sogar, das Spiel hat mich mehr als nur etwas positiv überrascht, ist es nicht nur ein Plattform-Spiel im Mega Man-Stil, wie ich es den Bildern auf der Verpackung des Spieles entnahm, sondern vielmehr eine wunderschöne Erzählung, die in zahlreichen Dialogen und fantastischen Bildern wiedergegeben wird. Die Erzählung dürfte wohl allen Fans von Astro Boy bekannt sein, fängt sie mit dem tragischen Ereignis an, das alles ins Rollen brachte: dem tödlichen Unfall von Tobio, dem einzigen Sohn des brillanten Wissenschaftlers Dr. Tenma. In seiner Trauer über den Verlust seines Sohnes beschließt er einen Roboter zu bauen, der Tobio nachempfunden ist. Um jedoch keine seelenlose Maschine als Ersatz für seinen Sohn zu erschaffen, wurde der Roboter Astro mit dem Omega Factor ausgestattet, mit dem er menschliche Gefühle ausdrücken kann. Und damit nimmt die Geschichte seinen Lauf, die Roboter im hochmodernisierten Japan der Zukunft werden immer menschenähnlicher und die daraus resultierenden Konflikte werden in der Erzählung dieses Spieles wiedergegeben. Der stark moralisch und ethisch geprägte Kern der Erzählung besitzt auch noch heute einen extrem hohen Aktualitätsgrad und ist das Markenzeichen von Osamu Tezuka. Somit besitzt das Spiel einen großen ideellen Wert. Wie wir jedoch gleich sehen werden, wurde der spielerische Aspekt dadurch keinesfalls vernachlässigt.

Das Spiel startet in der Obhut von Dr. O´Shay (im Manga Dr. Ochanomizu), der unseren 100.000 PS starken Helden nach der Aufgabe durch seinen Vater adoptierte. Wie es dazu kam, wird im Spiel jedoch nicht erzählt. Die Geschichte ist auch nicht mit der der Mangas identisch, denn man findet im Spiel Figuren aus allen bekannten Werken von Osamu Tezuka wieder. Unter der Anleitung von Dr. O´Shay hat man zunächst die Möglichkeit, sich mit Astros recht vielseitiger Steuerung bekannt zu machen. Wie bei allen gängigen Plattformspielen kann Astro hüpfen, ausweichen und einige Waffen für sich sprechen lassen. Auch wenn Astro recht harmlos bzw. niedlich aussieht, verlässt er sich nicht nur auf seine Fäuste und Tritte, sondern kann mit gewaltigen Lasergeschützen aufwarten. Während der kleine Laser beliebig oft eingesetzt werden kann, ist der große und zerstörerische begrenzt. Einmal aktiviert, räumt er in der Regel den ganzen Bildschirm leer. Alternativ kann Astro noch ein flächendeckendes Geschoss mit einer relativ schwachen Durchschlagskraft, dafür aber mit lähmender Wirkung einsetzen. Ab dem normalen Schwierigkeitsgrad sind diese Extrawaffen stark eingeschränkt, laden sich beim Kämpfen jedoch wieder auf.

Nach dem kurzen Einführungstraining bekommt man seinen ersten Auftrag und landet sofort in Metro-City. In bester Mega-Man-Manier, wobei man hier mehr boxt und tritt als schießt, bahnt man sich seinen Weg zu einem entführten Mädchen, das es zu retten gilt. Und man kommt dabei aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn die Grafik ist überwältigend, voller Liebe zum Detail, und die Spielbarkeit einfach nur perfekt. Alle Levels bestehen aus mehreren Abschnitten, glänzen mit unterschiedlichen Grafiken, darunter zahlreichen Mode-7-Effekten, sowie vielen Mittel- und Endbossen. Bereits der erste Endgegner besticht durch seine Länge, die ganze 2 GBA-Bildschirme in Anspruch nimmt. Für Anfänger stellt er eine recht harte Nuss dar, ist hier doch kein sinnloses Boxen und Treten angesagt. Die richtige Taktik muss immer her, ansonsten fliegt man nach bereits drei oder vier feindlichen Treffern zu Boden und das Spiel ist vorbei. Astro besitzt nur ein einziges Leben, jedoch mit einem recht robusten Energiebalken. Wie alle Kampfangriffe kann dieser zum Glück mit der Zeit verbessert werden. Dafür ist der Omega Factor zuständig, der Astro das Verständnis für Gefühle gibt und ihm dadurch bei Kontakt mit anderen Lebewesen den Ausbau seiner Fähigkeiten ermöglicht. Somit kann man wahlweise Astros Kampftechniken, Lebenskraft, Sprungkraft oder Sensoren verbessern. Die Sensoren sind für die Lösung des Spieles besonders wichtig, lassen sich damit nicht nur dunkle oder neblige Räume erhellen sondern auch versteckte Personen finden, die Astro mit den nötigen Hinweisen versorgen. Der damit verbundene Adventure-Anteil lockert das Spielgeschehen positiv auf. Nicht unerwähnt sollten auch die Shooter-Passagen bleiben, die ebenfalls einen großen Beitrag zum wirklich gelungenen Design des Spieles leisten.

Trotz des vielen Lobs meinerseits gibt es auch einen negativen Kritikpunkt: die gesamte Geschichte wird in zwei Anläufen erzählt, so dass man die ersten sieben Levels zweimal beenden muss, um in den Genuss des finalen achten Abschnittes zu gelangen. Beim ersten Durchspielen fällt dies nicht allzu schwer ins Gewicht, da man durch die fabelhafte Geschichte gefesselt wird. Beim wiederholten Spielen ist dies jedoch etwas langweilig, da die Änderungen beim zweiten Durchlauf sehr minimal sind. In der Regel sind die Dialoge zwischen den Charakteren anders, Änderungen im Leveldesign sucht man fast vergebens. Slowdowns, die in einigen Spielabschnitten mit einer extrem hohen Spritedichte auftreten, stellen das einzige Manko auf der technischen Seite dar, fallen bei mir jedoch nicht allzu schwer ins Gewicht.

In der Gesamtheit ist "Astro Boy - Omega Factor" ein durchweg gelungenes Spiel, dass kein GBA-Besitzer missen sollte. Die drei Schwierigkeitsgrade sprechen sowohl Anfänger wie auch Profis an und die gespeicherten Highscores sorgen zusätzlich für eine lange Motivation. Wegen der sich wiederholenden Levels gibt es von mir jedoch nur neun Punkte. Echte Astro Boy-Fans addieren sich den fehlenden Punkt selbstverständlich imaginär hinzu.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar Worte zur Musik verlieren. Die musikalische Untermalung ist für die Game Boy-Verhältnisse wirklich ansprechend, auf die Dauer jedoch etwas monoton. Sie passt sich allerdings gut an die etwas unheimliche und ungewisse Stimmung an, die der Erzählung eigen ist, und stört deshalb keinesfalls.