Astro Boy von Osamu Tezuka ist mit Sicherheit jedem Manga- und Animeliebhaber
hierzulande ein Begriff, gehört die Geschichte um den mutigen Roboterjungen
Astro doch zu den ältesten der Zunft. Bereits Anfang der fünfziger
Jahre hat Astro Boy in Japan unter dem Namen Tetsuwan Atom, was so viel
wie Atom mit dem Eisenarm heißt, für Furore gesorgt und wird
als einer der Grundsteine der heutigen Manga- und Animeszene angesehen.
Osamu Tezuka ist somit ein Pionier dieser Kunstrichtung, die lange Zeit
nur in Japan bekannt war. Trotz des sehr hohen Alters und des damit verbundenen
Bekanntheitsgrades hat man in der heutzutage immer mehr bedeutenden Videospielebranche
diesem wichtigen Charakter nur ganz wenig Beachtung geschenkt. In Europa,
meines Wissens nach, überhaupt nicht, bis ich vor kurzem das Spiel
"Astro Boy - Omega Factor" für den Game Boy Advance in
die Hände bekam. Von Hitmaker und Sega entwickelt und von Treasure,
die bekanntermaßen vorwiegend japanische Perlen nach Europa importieren,
veröffentlicht, konnte es sich hierbei nur um ein Top-Spiel handeln.
Und ich wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil sogar, das Spiel
hat mich mehr als nur etwas positiv überrascht, ist es nicht nur
ein Plattform-Spiel im Mega Man-Stil, wie ich es den Bildern auf der
Verpackung des Spieles entnahm, sondern vielmehr eine wunderschöne
Erzählung, die in zahlreichen Dialogen und fantastischen Bildern
wiedergegeben wird. Die Erzählung dürfte wohl allen Fans von
Astro Boy bekannt sein, fängt sie mit dem tragischen Ereignis an,
das alles ins Rollen brachte: dem tödlichen Unfall von Tobio, dem
einzigen Sohn des brillanten Wissenschaftlers Dr. Tenma. In seiner Trauer
über den Verlust seines Sohnes beschließt er einen Roboter
zu bauen, der Tobio nachempfunden ist. Um jedoch keine seelenlose Maschine
als Ersatz für seinen Sohn zu erschaffen, wurde der Roboter Astro
mit dem Omega Factor ausgestattet, mit dem er menschliche Gefühle
ausdrücken kann. Und damit nimmt die Geschichte seinen Lauf, die
Roboter im hochmodernisierten Japan der Zukunft werden immer menschenähnlicher
und die daraus resultierenden Konflikte werden in der Erzählung
dieses Spieles wiedergegeben. Der stark moralisch und ethisch geprägte
Kern der Erzählung besitzt auch noch heute einen extrem hohen Aktualitätsgrad
und ist das Markenzeichen von Osamu Tezuka. Somit besitzt das Spiel
einen großen ideellen Wert. Wie wir jedoch gleich sehen werden,
wurde der spielerische Aspekt dadurch keinesfalls vernachlässigt.
Das Spiel startet in der Obhut von Dr. O´Shay (im Manga Dr. Ochanomizu),
der unseren 100.000 PS starken Helden nach der Aufgabe durch seinen
Vater adoptierte. Wie es dazu kam, wird im Spiel jedoch nicht erzählt.
Die Geschichte ist auch nicht mit der der Mangas identisch, denn man
findet im Spiel Figuren aus allen bekannten Werken von Osamu Tezuka
wieder. Unter der Anleitung von Dr. O´Shay hat man zunächst
die Möglichkeit, sich mit Astros recht vielseitiger Steuerung bekannt
zu machen. Wie bei allen gängigen Plattformspielen kann Astro hüpfen,
ausweichen und einige Waffen für sich sprechen lassen. Auch wenn
Astro recht harmlos bzw. niedlich aussieht, verlässt er sich nicht
nur auf seine Fäuste und Tritte, sondern kann mit gewaltigen Lasergeschützen
aufwarten. Während der kleine Laser beliebig oft eingesetzt werden
kann, ist der große und zerstörerische begrenzt. Einmal aktiviert,
räumt er in der Regel den ganzen Bildschirm leer. Alternativ kann
Astro noch ein flächendeckendes Geschoss mit einer relativ schwachen
Durchschlagskraft, dafür aber mit lähmender Wirkung einsetzen.
Ab dem normalen Schwierigkeitsgrad sind diese Extrawaffen stark eingeschränkt,
laden sich beim Kämpfen jedoch wieder auf.
Nach dem kurzen Einführungstraining bekommt man seinen ersten
Auftrag und landet sofort in Metro-City. In bester Mega-Man-Manier,
wobei man hier mehr boxt und tritt als schießt, bahnt man sich
seinen Weg zu einem entführten Mädchen, das es zu retten gilt.
Und man kommt dabei aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn die Grafik
ist überwältigend, voller Liebe zum Detail, und die Spielbarkeit
einfach nur perfekt. Alle Levels bestehen aus mehreren Abschnitten,
glänzen mit unterschiedlichen Grafiken, darunter zahlreichen Mode-7-Effekten,
sowie vielen Mittel- und Endbossen. Bereits der erste Endgegner besticht
durch seine Länge, die ganze 2 GBA-Bildschirme in Anspruch nimmt.
Für Anfänger stellt er eine recht harte Nuss dar, ist hier
doch kein sinnloses Boxen und Treten angesagt. Die richtige Taktik muss
immer her, ansonsten fliegt man nach bereits drei oder vier feindlichen
Treffern zu Boden und das Spiel ist vorbei. Astro besitzt nur ein einziges
Leben, jedoch mit einem recht robusten Energiebalken. Wie alle Kampfangriffe
kann dieser zum Glück mit der Zeit verbessert werden. Dafür
ist der Omega Factor zuständig, der Astro das Verständnis
für Gefühle gibt und ihm dadurch bei Kontakt mit anderen Lebewesen
den Ausbau seiner Fähigkeiten ermöglicht. Somit kann man wahlweise
Astros Kampftechniken, Lebenskraft, Sprungkraft oder Sensoren verbessern.
Die Sensoren sind für die Lösung des Spieles besonders wichtig,
lassen sich damit nicht nur dunkle oder neblige Räume erhellen
sondern auch versteckte Personen finden, die Astro mit den nötigen
Hinweisen versorgen. Der damit verbundene Adventure-Anteil lockert das
Spielgeschehen positiv auf. Nicht unerwähnt sollten auch die Shooter-Passagen
bleiben, die ebenfalls einen großen Beitrag zum wirklich gelungenen
Design des Spieles leisten.
Trotz des vielen Lobs meinerseits gibt es auch einen negativen Kritikpunkt:
die gesamte Geschichte wird in zwei Anläufen erzählt, so dass
man die ersten sieben Levels zweimal beenden muss, um in den Genuss
des finalen achten Abschnittes zu gelangen. Beim ersten Durchspielen
fällt dies nicht allzu schwer ins Gewicht, da man durch die fabelhafte
Geschichte gefesselt wird. Beim wiederholten Spielen ist dies jedoch
etwas langweilig, da die Änderungen beim zweiten Durchlauf sehr
minimal sind. In der Regel sind die Dialoge zwischen den Charakteren
anders, Änderungen im Leveldesign sucht man fast vergebens. Slowdowns,
die in einigen Spielabschnitten mit einer extrem hohen Spritedichte
auftreten, stellen das einzige Manko auf der technischen Seite dar,
fallen bei mir jedoch nicht allzu schwer ins Gewicht.
In der Gesamtheit ist "Astro Boy - Omega Factor" ein durchweg
gelungenes Spiel, dass kein GBA-Besitzer missen sollte. Die drei Schwierigkeitsgrade
sprechen sowohl Anfänger wie auch Profis an und die gespeicherten
Highscores sorgen zusätzlich für eine lange Motivation. Wegen
der sich wiederholenden Levels gibt es von mir jedoch nur neun Punkte.
Echte Astro Boy-Fans addieren sich den fehlenden Punkt selbstverständlich
imaginär hinzu.
Zum Schluss möchte ich noch ein paar Worte zur Musik verlieren.
Die musikalische Untermalung ist für die Game Boy-Verhältnisse
wirklich ansprechend, auf die Dauer jedoch etwas monoton. Sie passt
sich allerdings gut an die etwas unheimliche und ungewisse Stimmung
an, die der Erzählung eigen ist, und stört deshalb keinesfalls.
|