Der Manga "Dororo" von Osamu Tezuka, welcher bis jetzt leider
noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, bietet wirklich viele
Elemente, die eigentlich dafür prädestiniert sind ein erstklassiges
Action-Game daraus zu kreieren. Zu meiner großen Verwunderung hat
sich aber eine lange Zeit kein Hersteller an die Thematik dieses Mangas
herangewagt, bis im Jahre 2004 der renommierte Hersteller Sega das Spiel
"Dororo" bzw. "Blood Will Tell - Tezuka Osamu´s Dororo"
für die Playstation 2 der Welt präsentierte. Das Design der
Charaktere wurde dabei dem Mangaka Hiroaki Samura überlassen, welcher
vorrangig durch sein recht blutiges Samurai-Epos "Blade of the Immortal"
bekannt ist. Mit diesen Referenzen versprach man sich mit "Blood
Will Tell" einen großen Erfolg. Dieser blieb jedoch aus, was
anderen spielerisch sehr ähnlichen und zugegebenermaßen ein
wenig besseren Publikationen anderer Hersteller zuzuschreiben ist. Dennoch,
alle die sich für Segas Adaption von "Dororo" entschieden
haben, bereuten ganz sicherlich in keinster Weise den Kauf, denn die wirklich
spannende und sehr interessante Story entschädigt auf jeden Fall
für die kleinen spielerischen und technischen Schwächen.
Dororo ist der Name eines Waisenkindes, eines kleinen Diebes, der auf
seinen Streifzügen auf einen wirklich seltsamen Ronin namens Hyakkimaru
trifft und ihn fortan begleitet. Hyakkimaru, welcher eigentlich der
Hauptprotagonist des Spieles ist und nicht Dororo, wie man anhand des
Titels annehmen könnte, ist ein ziemlich ungewöhnlicher Mensch,
besteht doch sein nahezu gesamter Körper aus künstlich erschaffenen
Körperteilen. Diese wurden für ihn von seinem Ziehvater, dem
Arzt Jyukai, angefertigt, der Hyakkimaru bei sich aufnahm, nachdem er
ihn im Säuglingsalter einst auf einem Fluss treibend aufgelesen
hatte. Eigentlich wurde Hyakkimaru als das Menschenkind des Lichts geboren,
das vom Himmel dazu auserkoren wurde die 48 die Menschen plagenden und
immer wieder Hass und Krieg zwischen ihnen schürenden Dämonen,
die sogenannten Bestien, zu bezwingen. Die Dämonen bekamen aber
Wind von dem Plan der Götter und lockten Hyakkimarus Vater, Daigo
Kagemitsu, zu dem ihnen geweihten Tempel namens Pforten der Hölle,
wo Daigo, fast wahnsinnig vor Angst, einen Pakt mit ihnen schloss. Für
die Macht, das zerstrittene Land unter seiner Führung zu einen
und Frieden in die Welt zu bringen, beanspruchten die Bestien 48 Körperteile
seines erstgeborenen Sohnes, und gleich nach dessen Geburt umhüllten
sie den kleinen Körper mit Schatten und ließen ihn verstümmelt,
aber noch lebend zurück. Der Vater, völlig entsetzt über
den Anblick seines noch namenlosen Sohnes, nahm das unglückselige
Bündel an sich und setzte es in einem Gefäß auf dem
Fluss aus. Jyukai, der Mitleid und Liebe für das Findelkind empfand,
hat Hyakkimaru, wie er es benannte, bereits im Alter von drei Jahren
der ersten Operation unterzogen. Nach vielen weiteren riskanten Eingriffen
sah Hyakkimaru optisch fast wie alle anderen Kinder aus. Taub, blind
und stumm lebte er aber in einer anderen Welt und konnte sich nur auf
seine Gefühle und seinen sechsten Sinn, also auf sein geistiges
Auge, verlassen. Damit Hyakkimaru sich auch in der rauen Welt der Menschen
zurechtfinden und überleben konnte, lehrte ihn Jyukai alles Wissenswerte.
Und auch das Kämpfen mit dem Schwert brachte er ihm bei. So verging
die Zeit, bis Hyakkimaru 18 Jahre alt wurde und eine Botschaft des Himmels
ihm die ganze Wahrheit über sein Schicksal und sein Leid offenbarte.
Ohne großartig zu überlegen, entschloss sich Hyakkimaru die
für ihn bestimmte Aufgabe anzunehmen und seine 48 geraubten Körperteile
wiederzuerlangen. Bevor er sich aber auf die gefahrenvolle und ungewisse
Reise aufmachte, unterzog Jyukai Hyakkimaru noch einem letzten operativen
Eingriff, bei dem er seine Armstümpfe mit Klingen versah und ihm
eine schnelle Arm- sowie eine durchschlagstarke Beinkanone einbaute.
Zugegeben, die Story ist wirklich sehr weit hergeholt, sehr phantasievoll
und lässt noch so manche Frage offen, aber gerade solche Erzählungen
eignen sich bestens für tolle Action-Spiele. In wirklich bestens
designten 3D-Umgebungen des feudalen Japan, welche mystische Bambuswälder
und verschneite Gebirgslandschaften ebenso umfassen wie alte Tempel
und kleine Dörfer, darf man nun als gewilligter Spieler in die
Fußstapfen von Hyakkimaru treten und die 48 Bestien ausfindig
machen. Dabei sollte man sich eines vor Augen führen: 48 Bestien
versprechen auch 48 interessante Kämpfe. Aber die Sache hat leider
einen kleinen Haken. Habe ich anfangs noch gehofft gegen 48 riesige
und immer unterschiedlich aussehende Bestien antreten zu dürfen,
so habe ich im Laufe des Spieles erfahren müssen, dass viele der
Dämonen relativ klein und unspektakulär in ihrer Erscheinung
sind und sich auch noch bis auf einige kleine Veränderungen sogar
zwei- bis dreimal wiederholen. Einige wirklich große und schöne
Hingucker, wie zum Beispiel die fette Plage kurz vor dem Ende des ersten
Kapitels, gibt es aber dennoch unter ihnen. Sie warten mit sehr interessanten
Angriffsmustern auf und entlohnen den Spieler für die zurückgelegten
langen Wege mit ihren unzähligen Kämpfen gegen die immer wieder
gleichen Standardgegner. Durch das Besiegen einer Bestie erhält
Hyakkimaru immer eines seiner Körperteile zurück, was sich
positiv auf seine Statuswerte auswirkt, ihn stärker macht und sich
gegebenenfalls auch in einer neuen Spieleigenschaft widerspiegelt. So
wird die anfangs noch schwarz-weiß gehaltene Grafik mit der Rückgewinnung
des ersten Auges auf einmal bunt, mit seinem echten Bein erhält
Hyakkimaru die Fähigkeit kurzzeitig zu sprinten und mit seiner
Nase die Dämonen zu riechen, wofür die Vibrationsfähigkeit
des Gamepads genutzt wird. Je länger man also spielt, desto agiler
und ausdauernder wird die Spielfigur. Dies merkt man auch in der anfangs
noch recht holprigen Steuerung, denn zum Schluss hin kann Hyakki, wie
Hyakkimaru von Dororo immer genannt wird, wie ein Wirbelwind mit seinen
beiden Armschwertern bzw. wahlweise mit seinem Katana kämpfen.
Dazu stehen ihm vielfältige Kombiangriffe zur Verfügung, die
mit dem Fortschritt seiner Suche immer komplizierter, akrobatischer
und natürlich auch wirkungsvoller werden. Diese Standardangriffe
werden noch durch den so genannten Seelenangriff und den Schnittangriff
ergänzt. Der Seelenangriff setzt bei voll aufgefüllter Seelenanzeige
eine spezielle Fähigkeit frei, die man mittels gefundener Seelenschriftrollen
erlernen kann, während der Schnittangriff aus einer zufällig
generierten, aufeinanderfolgenden Tastenkombination besteht, die der
Spieler natürlich möglichst schnell und fehlerfrei eintippen
muss und die in einem dafür speziell eingeblendeten Zeitfenster
dargestellt wird. Schafft man es in der vorgegebenen Zeit möglichst
viele Schnitte anzusetzen, bevor man den Gnadenstoß mittels der
Dreieck-Taste ausführt und die Zeitspanne abläuft, wird man
je nach Gegner mit verschiedenen brauchbaren Bonus-Items wie Reisrationen,
Medizin-Kugeln, welche bei einer Anzahl von 100 Stück Hyakkis Lebensenergie
bei einem eventuellen Ableben vollständig regenerieren können,
Munition für die beiden Kanonen oder gar neuen Schwertern belohnt.
Die vielen Katana-Schwerter sind für ein entspanntes Vorwärtskommen
besonders wichtig, da sie meist mit außerordentlich effektiven
und nützlichen Eigenschaften behaftet sind und in der Regel etwas
mehr Schaden anrichten können als Hyakkimarus Armklingen. Einige
der Katanas bieten einen recht hohen Schutz vor bestimmten Elementen,
einige erhöhen bestimmte Attribute und die besten Schwerter, welche
meist gut versteckt sind, glänzen gleich mit mehreren positiven
Effekten, daher eignen sie sich oftmals besonders gut gegen die großen
Bestien. Der Einsatz der Armklingen wird aber dadurch gerechtfertigt,
dass sie bei häufigem Gebrauch immer besser und stärker werden.
So können sie, sofern einem die endlosen Kämpfe gegen die
normalen Gegner nie langweilig werden sollten, letztendlich eine viel
höhere Stufe erreichen als die stärksten Schwerter.
Auflockerung zwischen den ganzen Kämpfen bieten viele Zwischensequenzen,
welche die Geschichte gut erzählen und die Spannung des Spieles
aufrechterhalten. Ob nun eine Konversation mit irgendwelchen Bewohnern
des Landes, die gelegentlich auch mal in einem nicht tödlichen
Duell endet, mit Dororo, Daigo oder Hyakkimarus Bruder Tahomaru oder
eine Konfrontation mit einer der Bestien, die Sequenzen vermögen
den Spieler eigentlich immer bei guter Laune zu halten. Weitere Auflockerung
verschaffen die regelmäßig eingeschobenen Spielabschnitte,
in denen man mit Dororo, dem selbsternannten weltbesten Dieb, anstatt
mit Hyakkimaru unterwegs ist. Dororo muss meist einige Geschicklichkeit
erfordernde Aufgaben und gelegentlich kleinere Rätsel meistern
und weniger kämpfen. Kommt es aber doch zum Kampf, so kann Dororo
seine Fäuste schwingen oder auf Wurfgegenstände wie zum Beispiel
Steine, Messer oder Feuerbomben zurückgreifen. Leider machen die
Spielabschnitte mit Dororo nicht ganz soviel Spaß, was vor allem
an Dororos recht träger und ungenauer Steuerung liegt. Ich hätte
komplett auf sie verzichten können, um ehrlich zu sein. Aber das
Spiel heißt ja schließlich "Dororo" und nicht
"Hyakkimaru". Wahrscheinlich darf auch aus diesem Grund ein
zweiter Spieler dauerhaft die Kontrolle über Dororo übernehmen
und Hyakkimaru tatkräftig im Kampf gegen die 48 Dämonen unterstützen.
Dieser muss aber ständig aufpassen, dass er im Kamerabereich des
ersten Spielers bleibt. Hat man keinen zweiten Spieler an der Seite,
so werden Dororos Aktivitäten über ein kleines, vier Befehle
umfassendes Aktionsmenü gesteuert. Im Gegensatz zu Hyakkimaru kann
Dororo jedoch nicht sterben.
Abschließend möchte ich auf jeden Fall eine Empfehlung für
dieses Action-Spiel aussprechen, auch wenn es teilweise etwas zu langatmig
geraten ist, einige kleine spielerische Schwächen aufweist und
technisch nicht das Bestmögliche bietet. Die Story, welche in einen
Prolog und acht Kapitel unterteilt ist, wird aber sicherlich jedem gefallen,
der sich für japanische Kultur und Videospiele interessiert. Mir
bleibt nur noch zu hoffen, dass irgendein Comic-Verlag auch mal den
Manga bei uns herausbringt. Der Film, den ich ebenfalls empfehlen kann,
ist übrigens schon bei uns zu haben.
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