Blood Will Tell - Tezuka Osamu´s Dororo
Action

Lyrion
März 09
 

Der Manga "Dororo" von Osamu Tezuka, welcher bis jetzt leider noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, bietet wirklich viele Elemente, die eigentlich dafür prädestiniert sind ein erstklassiges Action-Game daraus zu kreieren. Zu meiner großen Verwunderung hat sich aber eine lange Zeit kein Hersteller an die Thematik dieses Mangas herangewagt, bis im Jahre 2004 der renommierte Hersteller Sega das Spiel "Dororo" bzw. "Blood Will Tell - Tezuka Osamu´s Dororo" für die Playstation 2 der Welt präsentierte. Das Design der Charaktere wurde dabei dem Mangaka Hiroaki Samura überlassen, welcher vorrangig durch sein recht blutiges Samurai-Epos "Blade of the Immortal" bekannt ist. Mit diesen Referenzen versprach man sich mit "Blood Will Tell" einen großen Erfolg. Dieser blieb jedoch aus, was anderen spielerisch sehr ähnlichen und zugegebenermaßen ein wenig besseren Publikationen anderer Hersteller zuzuschreiben ist. Dennoch, alle die sich für Segas Adaption von "Dororo" entschieden haben, bereuten ganz sicherlich in keinster Weise den Kauf, denn die wirklich spannende und sehr interessante Story entschädigt auf jeden Fall für die kleinen spielerischen und technischen Schwächen.

Dororo ist der Name eines Waisenkindes, eines kleinen Diebes, der auf seinen Streifzügen auf einen wirklich seltsamen Ronin namens Hyakkimaru trifft und ihn fortan begleitet. Hyakkimaru, welcher eigentlich der Hauptprotagonist des Spieles ist und nicht Dororo, wie man anhand des Titels annehmen könnte, ist ein ziemlich ungewöhnlicher Mensch, besteht doch sein nahezu gesamter Körper aus künstlich erschaffenen Körperteilen. Diese wurden für ihn von seinem Ziehvater, dem Arzt Jyukai, angefertigt, der Hyakkimaru bei sich aufnahm, nachdem er ihn im Säuglingsalter einst auf einem Fluss treibend aufgelesen hatte. Eigentlich wurde Hyakkimaru als das Menschenkind des Lichts geboren, das vom Himmel dazu auserkoren wurde die 48 die Menschen plagenden und immer wieder Hass und Krieg zwischen ihnen schürenden Dämonen, die sogenannten Bestien, zu bezwingen. Die Dämonen bekamen aber Wind von dem Plan der Götter und lockten Hyakkimarus Vater, Daigo Kagemitsu, zu dem ihnen geweihten Tempel namens Pforten der Hölle, wo Daigo, fast wahnsinnig vor Angst, einen Pakt mit ihnen schloss. Für die Macht, das zerstrittene Land unter seiner Führung zu einen und Frieden in die Welt zu bringen, beanspruchten die Bestien 48 Körperteile seines erstgeborenen Sohnes, und gleich nach dessen Geburt umhüllten sie den kleinen Körper mit Schatten und ließen ihn verstümmelt, aber noch lebend zurück. Der Vater, völlig entsetzt über den Anblick seines noch namenlosen Sohnes, nahm das unglückselige Bündel an sich und setzte es in einem Gefäß auf dem Fluss aus. Jyukai, der Mitleid und Liebe für das Findelkind empfand, hat Hyakkimaru, wie er es benannte, bereits im Alter von drei Jahren der ersten Operation unterzogen. Nach vielen weiteren riskanten Eingriffen sah Hyakkimaru optisch fast wie alle anderen Kinder aus. Taub, blind und stumm lebte er aber in einer anderen Welt und konnte sich nur auf seine Gefühle und seinen sechsten Sinn, also auf sein geistiges Auge, verlassen. Damit Hyakkimaru sich auch in der rauen Welt der Menschen zurechtfinden und überleben konnte, lehrte ihn Jyukai alles Wissenswerte. Und auch das Kämpfen mit dem Schwert brachte er ihm bei. So verging die Zeit, bis Hyakkimaru 18 Jahre alt wurde und eine Botschaft des Himmels ihm die ganze Wahrheit über sein Schicksal und sein Leid offenbarte. Ohne großartig zu überlegen, entschloss sich Hyakkimaru die für ihn bestimmte Aufgabe anzunehmen und seine 48 geraubten Körperteile wiederzuerlangen. Bevor er sich aber auf die gefahrenvolle und ungewisse Reise aufmachte, unterzog Jyukai Hyakkimaru noch einem letzten operativen Eingriff, bei dem er seine Armstümpfe mit Klingen versah und ihm eine schnelle Arm- sowie eine durchschlagstarke Beinkanone einbaute.

Zugegeben, die Story ist wirklich sehr weit hergeholt, sehr phantasievoll und lässt noch so manche Frage offen, aber gerade solche Erzählungen eignen sich bestens für tolle Action-Spiele. In wirklich bestens designten 3D-Umgebungen des feudalen Japan, welche mystische Bambuswälder und verschneite Gebirgslandschaften ebenso umfassen wie alte Tempel und kleine Dörfer, darf man nun als gewilligter Spieler in die Fußstapfen von Hyakkimaru treten und die 48 Bestien ausfindig machen. Dabei sollte man sich eines vor Augen führen: 48 Bestien versprechen auch 48 interessante Kämpfe. Aber die Sache hat leider einen kleinen Haken. Habe ich anfangs noch gehofft gegen 48 riesige und immer unterschiedlich aussehende Bestien antreten zu dürfen, so habe ich im Laufe des Spieles erfahren müssen, dass viele der Dämonen relativ klein und unspektakulär in ihrer Erscheinung sind und sich auch noch bis auf einige kleine Veränderungen sogar zwei- bis dreimal wiederholen. Einige wirklich große und schöne Hingucker, wie zum Beispiel die fette Plage kurz vor dem Ende des ersten Kapitels, gibt es aber dennoch unter ihnen. Sie warten mit sehr interessanten Angriffsmustern auf und entlohnen den Spieler für die zurückgelegten langen Wege mit ihren unzähligen Kämpfen gegen die immer wieder gleichen Standardgegner. Durch das Besiegen einer Bestie erhält Hyakkimaru immer eines seiner Körperteile zurück, was sich positiv auf seine Statuswerte auswirkt, ihn stärker macht und sich gegebenenfalls auch in einer neuen Spieleigenschaft widerspiegelt. So wird die anfangs noch schwarz-weiß gehaltene Grafik mit der Rückgewinnung des ersten Auges auf einmal bunt, mit seinem echten Bein erhält Hyakkimaru die Fähigkeit kurzzeitig zu sprinten und mit seiner Nase die Dämonen zu riechen, wofür die Vibrationsfähigkeit des Gamepads genutzt wird. Je länger man also spielt, desto agiler und ausdauernder wird die Spielfigur. Dies merkt man auch in der anfangs noch recht holprigen Steuerung, denn zum Schluss hin kann Hyakki, wie Hyakkimaru von Dororo immer genannt wird, wie ein Wirbelwind mit seinen beiden Armschwertern bzw. wahlweise mit seinem Katana kämpfen. Dazu stehen ihm vielfältige Kombiangriffe zur Verfügung, die mit dem Fortschritt seiner Suche immer komplizierter, akrobatischer und natürlich auch wirkungsvoller werden. Diese Standardangriffe werden noch durch den so genannten Seelenangriff und den Schnittangriff ergänzt. Der Seelenangriff setzt bei voll aufgefüllter Seelenanzeige eine spezielle Fähigkeit frei, die man mittels gefundener Seelenschriftrollen erlernen kann, während der Schnittangriff aus einer zufällig generierten, aufeinanderfolgenden Tastenkombination besteht, die der Spieler natürlich möglichst schnell und fehlerfrei eintippen muss und die in einem dafür speziell eingeblendeten Zeitfenster dargestellt wird. Schafft man es in der vorgegebenen Zeit möglichst viele Schnitte anzusetzen, bevor man den Gnadenstoß mittels der Dreieck-Taste ausführt und die Zeitspanne abläuft, wird man je nach Gegner mit verschiedenen brauchbaren Bonus-Items wie Reisrationen, Medizin-Kugeln, welche bei einer Anzahl von 100 Stück Hyakkis Lebensenergie bei einem eventuellen Ableben vollständig regenerieren können, Munition für die beiden Kanonen oder gar neuen Schwertern belohnt. Die vielen Katana-Schwerter sind für ein entspanntes Vorwärtskommen besonders wichtig, da sie meist mit außerordentlich effektiven und nützlichen Eigenschaften behaftet sind und in der Regel etwas mehr Schaden anrichten können als Hyakkimarus Armklingen. Einige der Katanas bieten einen recht hohen Schutz vor bestimmten Elementen, einige erhöhen bestimmte Attribute und die besten Schwerter, welche meist gut versteckt sind, glänzen gleich mit mehreren positiven Effekten, daher eignen sie sich oftmals besonders gut gegen die großen Bestien. Der Einsatz der Armklingen wird aber dadurch gerechtfertigt, dass sie bei häufigem Gebrauch immer besser und stärker werden. So können sie, sofern einem die endlosen Kämpfe gegen die normalen Gegner nie langweilig werden sollten, letztendlich eine viel höhere Stufe erreichen als die stärksten Schwerter.

Auflockerung zwischen den ganzen Kämpfen bieten viele Zwischensequenzen, welche die Geschichte gut erzählen und die Spannung des Spieles aufrechterhalten. Ob nun eine Konversation mit irgendwelchen Bewohnern des Landes, die gelegentlich auch mal in einem nicht tödlichen Duell endet, mit Dororo, Daigo oder Hyakkimarus Bruder Tahomaru oder eine Konfrontation mit einer der Bestien, die Sequenzen vermögen den Spieler eigentlich immer bei guter Laune zu halten. Weitere Auflockerung verschaffen die regelmäßig eingeschobenen Spielabschnitte, in denen man mit Dororo, dem selbsternannten weltbesten Dieb, anstatt mit Hyakkimaru unterwegs ist. Dororo muss meist einige Geschicklichkeit erfordernde Aufgaben und gelegentlich kleinere Rätsel meistern und weniger kämpfen. Kommt es aber doch zum Kampf, so kann Dororo seine Fäuste schwingen oder auf Wurfgegenstände wie zum Beispiel Steine, Messer oder Feuerbomben zurückgreifen. Leider machen die Spielabschnitte mit Dororo nicht ganz soviel Spaß, was vor allem an Dororos recht träger und ungenauer Steuerung liegt. Ich hätte komplett auf sie verzichten können, um ehrlich zu sein. Aber das Spiel heißt ja schließlich "Dororo" und nicht "Hyakkimaru". Wahrscheinlich darf auch aus diesem Grund ein zweiter Spieler dauerhaft die Kontrolle über Dororo übernehmen und Hyakkimaru tatkräftig im Kampf gegen die 48 Dämonen unterstützen. Dieser muss aber ständig aufpassen, dass er im Kamerabereich des ersten Spielers bleibt. Hat man keinen zweiten Spieler an der Seite, so werden Dororos Aktivitäten über ein kleines, vier Befehle umfassendes Aktionsmenü gesteuert. Im Gegensatz zu Hyakkimaru kann Dororo jedoch nicht sterben.

Abschließend möchte ich auf jeden Fall eine Empfehlung für dieses Action-Spiel aussprechen, auch wenn es teilweise etwas zu langatmig geraten ist, einige kleine spielerische Schwächen aufweist und technisch nicht das Bestmögliche bietet. Die Story, welche in einen Prolog und acht Kapitel unterteilt ist, wird aber sicherlich jedem gefallen, der sich für japanische Kultur und Videospiele interessiert. Mir bleibt nur noch zu hoffen, dass irgendein Comic-Verlag auch mal den Manga bei uns herausbringt. Der Film, den ich ebenfalls empfehlen kann, ist übrigens schon bei uns zu haben.