Crimson Gem Saga
RPG


Minrod
Dezember 09

 


Da das Rollenspielangebot auf der PSP größtenteils aus Remakes bekannter und erfolgreicher Spiele besteht, konnten sich exklusive Titel auf Sonys portablem System bisher nur selten behaupten. Die meisten wurden kurzerhand als ideen- und innovationslos abgestempelt und fielen daraufhin schnell der Vergessenheit anheim. Das aus Korea stammende "Astonishia Story 2", das in Japan "Garnet Chronicle" und in der englischsprachigen Ausgabe "Crimson Gem Saga" heißt, würde hier wohl keine Ausnahme machen, wäre es nicht derart schön anzusehen. Die sorgfältig von Hand gezeichneten Hintergrundgrafiken verschmelzen mit der makellosen Bitmap-Kunst, die überaus verschwenderisch noch so unbedeutenden Spielelementen eine eigene Animation verpasst, zu einem Monument einer bunten und teilweise zuckersüßen Fantasy-Welt. Hier wird wahrlich Augenschmaus in Vollendung geboten, der mir derart in bisher keinem anderen Rollenspiel begegnet ist. Alleine schon deshalb ist "Crimson Gem Saga" mehr als nur eines flüchtigen Blickes würdig.

Fangen wir deshalb ganz am Anfang und zwar mit der Story an. Nach einem einstimmenden Anime-Intro lässt uns das Spiel in die Rolle des Green Hill Academy-Absolventen Killian schlüpfen, der als Hauptprotagonist des Spieles fungiert. Als frischgebackener Chevalier muss er bei der Abschlusszeremonie mit bitterer Enttäuschung feststellen, dass er trotz aller Anstrengungen die Schule nur als Zweitbester verlässt und sich erneut seinem ewigen Kontrahenten Herbert von Guterrian geschlagen geben muss. Glücklicherweise räumt ihm der Akademieleiter keine Zeit für müßige Grübeleien ein und entsendet ihn als Bewerber zu einer benachbarten Eliteschutztruppe. Somit wird dem malerischen Städtchen Shern Village der Rücken gekehrt und man macht sich durch die wunderschönsten Landstriche zum benachbarten Ort Vardenhoff auf. Kurz vor dem Ziel begegnet Killian jedoch einer Gruppe Schurken, die ein scheinbar harmloses Elfenmädchen bedrängen. Seinen ritterlichen Instinkten folgend kann er natürlich nicht anders als der theatralisch gestikulierenden Dame zur Hilfe zu eilen, nur um im Nachhinein feststellen zu müssen, dass sie ihm zum Dank die Geldbörse entwendet hat. Dieses überaus witzig dargestellte Ereignis glänzt nicht nur mit vielen lustigen Charakteranimationen, sondern stellt auch eine Schlüsselszene in Killians Leben dar. Denn nachdem er sich über Umwege endlich seiner Einheit anschließt, wird diese kurzerhand durch einen mysteriösen Mann ausgelöscht. Und hier tritt erneut die besagte Elfe namens Spinel auf den Plan, die zur Abwechslung diesmal ihn rettet. Die überaus freche Schatzsucherin überredet danach den auf Vergeltung sinnenden, edlen, strahlenden und glorreichen Ritter sie bei ihrer nächsten spannenden Mission zu begleiten, denn schließlich ist er soooo stark und sie doch nur ein zartes und zerbrechliches Ding. ^^ Ohne allzu viele Optionen zu haben, willigt Killian ein, aber nicht ohne vorher die Sache mit seiner Geldbörse geklärt zu haben, was den Spieler natürlich erneut zum Schmunzeln verführt. Die besagte Schatzsuche führt die beiden zum Deadman´s Spire, dem Ort, an dem Killians Einheit vor ihrer Auslöschung ein überaus wichtiges Artefakt sicherstellen sollte. Es wird direkt deutlich, dass Spinel mit der Beschaffung des gleichen Gegenstandes betraut wurde. Nach zahlreichen Zwischenfällen und mit Hilfe des aufgelesenen Magiers Henson sowie des ebenfalls an dem Artefakt interessierten Klerikers Gelts können die beiden ihre Mission erfolgreich abschließen. Bei der anschließenden Übergabe des blutroten, als Wicked Stone bezeichneten Edelsteins wird die nunmehr vierköpfige Gruppe von einer Kampfeinheit der übermächtigen Radiant Crusaders verhaftet, die zu allem Überfluss von keinem geringeren als Herbert von Guterrian befehligt wird! In Killians Augen die reinste Katastrophe! Daraufhin werden die vier Gefährten als Sünder zu lebenslanger Haft verurteilt, da sie laut Anklage durch das verunreinigte Artefakt verdorben wurden. Als einzige Möglichkeit zur Rehabilitation wird ihnen die Bergung der restlichen fünf Steine angeboten. Alternativlos willigen Killian und seine Freunde ein und reisen unter strenger Aufsicht des Kampfmönchs Lahduk zum Aufenthaltsort des nächsten Wicked Stones.

Dass die Kirche kein Wohlfahrtsverein ist und nichts Gutes im Schilde führt, dürfte wohl jeder nach dem Ende des ersten Kapitels erkannt haben. Der darauf folgende Handlungsstrang, der in drei weiteren Kapiteln erzählt wird, dürfte deshalb niemanden vom Hocker reißen. Um die verfluchten Steine dem Einfluss des Bösen zu entziehen, sucht man ständig nach ihnen, ohne so richtig zu wissen, wozu sie überhaupt gut sind. Das Geheimnis der Wicked Stones wird nämlich erst gegen Ende des Spieles enthüllt. "Crimson Gem Saga" bietet somit eine klassische Geschichte, die in ähnlicher Form bereits unzählige Male in anderen Rollenspielen Verwendung fand. Auf den Punkt gebracht ist sie sogar recht kompakt, lebt aber von den klischeehaften, dafür jedoch sehr liebevoll gestalteten Charakteren. Zahlreiche Sticheleien und sonstige Auseinandersetzungen innerhalb der letztendlich sechsköpfigen Gruppe unterhalten bestens und vermögen die Laune stets aufrecht zu erhalten, so dass hier keine Langeweile aufkommt.

Spielmechanisch erinnert der Titel wiederum an eine Collage, die aus den interessantesten Aspekten diverser Vorbilder zu einem neuen Konzept zusammengefügt wurde. Erwähnenswert ist das Hinterhalt-System, das es der Gruppe oder den Gegnern erlaubt, noch vor Beginn der ersten Kampfrunde massiven Schaden auszuteilen. Dieses System setzt natürlich voraus, dass man die Gegner im Vorfeld sieht und umgekehrt auch von ihnen gesehen wird. Deshalb sind nervige Zufallskämpfe bei "Crimson Gem Saga" kein Thema mehr. Überrascht man die sich in wunderschönen Arealen frei bewegenden Monster von hinten, erlangt man den Hinterhaltsvorteil für sich. Wird man dagegen von den Gegnern bemerkt, muss man für die Eröffnung einer neutralen Auseinandersetzung innerhalb einer kurzen Zeitspanne angreifen, ansonsten fällt der Kampfvorteil den Monstern zu. Da der Schwierigkeitsgrad des Spieles recht hoch ist, entscheidet dieses System oft über Sieg und Niederlage. Die Kämpfe selbst spielen sich wie gewohnt in einzelnen Runden ab, bedienen sich aber eines auf kritischen Treffern basierenden Combo-Systems, das vom Spieler eine gut getimte Betätigung der Angriffstaste verlangt. Dieses Combo-System erlaubt nicht nur mächtige und vor allem MP-unabhängige Zusatzangriffe, sondern lässt die zahlreichen Kampfhandlungen stets dynamisch wirken. Ansonsten darf man wie bei allen anderen Rollenspielen auch auf diverse Items und Spezialfähigkeiten zurückgreifen. Letztere sind zahlreich vorhanden und müssen charakterbezogen erst in einem Fähigkeitsbaum aufgedeckt und anschließend bei Bedarf aktiviert werden. Von Sonderattacken, Angriffs-, Schutz- sowie Heilzaubern bis hin zu gruppenbezogenen Kombinationstechniken ist hier alles zu finden, was das Rollenspielgenre jemals hervorgebracht hat. Ein weiterer wichtiger Aspekt im Bezug auf den Kampf stellt die Affinität zu vorherrschenden Elementarkräften dar. Sie wird durch getragene Waffen und Rüstungen beeinflusst, die noch zusätzlich mit diversen Klunkern und Karten individuell verändert werden können. Mit der entsprechenden Modifikation kann somit manch ein schwerer Kampf erheblich zu den eigenen Gunsten gedreht werden. Wenn man dies bedenkt und sich mit dem Hinterhalt- sowie dem Combo-System bestens vertraut macht, wird man hier vor keinen unlösbaren Problemen stehen. Der Schwierigkeitsgrad ist somit als sehr ausgewogen zu bezeichnen, da man sich nie über-, aber auch nie unterfordert fühlt.

Einen beachtlichen Teil zum Erfolgt eines jeden Rollenspieles tragen die Dungeons bei. In "Crimson Gem Saga" fallen sie sehr umfangreich, dafür aber zu monoton und zum Schluss sogar schon ein wenig zu ausgedehnt aus. Aufgrund der tollen grafischen Inszenierung habe ich sie dennoch nie als zu langweilig empfunden. Sie beherbergen nicht nur unterschiedliche Monster, sondern sind auch großzügig mit Schatztruhen und mit zunehmendem Fortschritt mit diversen Schalterrätseln ausgestattet.

Über die technische Seite des Spieles könnte ich, wie bereits im Vorfeld angedeutet, stundenlang Lobeshymnen anstimmen. Die Grafik ist überwältigend schön, die Animationen schier unendlich. Vögel fliegen durch die Gegend, Frösche und Küken laufen einem über den Weg, selbstverständlich mit entsprechender Geräuschkulisse. Man hat hier anscheinend an jedes noch so winzige und unbedeutende Detail gedacht, sowohl in optischer als auch in akustischer Hinsicht. Kein einziger Bewohner dieser bunten Fantasy-Welt gleicht dem anderen, ein derart hoher Grad an Individualität ist absolut einzigartig! Das alles wurde wirklich pixelgenau von Hand gezeichnet, matschige Texturen oder irgendwelche Vektoren sucht man hier vergeblich. Dasselbe Bild lässt sich ebenfalls im Kampfmodus finden. Jeder der sechs Charaktere verfügt über ein stattliches Arsenal an Animationen und frechen Sprüchen, die Spezialattacken ergießen sich in flächendeckenden Effekten. Musikalisch wird hier ebenfalls keine Ausnahme gemacht. Alle Stücke sind schön anzuhören, manche besitzen sogar einen Ohrwurmcharakter. Die wichtigsten Dialoge wurden synchronisiert und zeugen von einer anständigen Lokalisierung. Unter technischen Gesichtspunkten lässt sich "Crimson Gem Saga" einfach nur als perfekt bezeichnen, da auch die bei einem PSP-Spiel unvermeidbaren Ladezeiten sich niemals negativ bemerkbar machen.

Da alle Aspekte abgehandelt sind, stellt sich zum Schluss nur noch die Frage der richtigen Bewertung. Wenn man das Spiel mit moderner Konkurrenz vergleicht, wird einem primär die Geschichte von der Stange übel aufstoßen, zumal die Handlung minimalistisch und durchschaubar ist. Geistig labile oder mit einem unheimlich verworrenen Innenleben ausstaffierte Charaktere sind hier ebenso Mangelware wie die heute überaus beliebten Psychopaten. Und den Rest hat man mit Ausnahme der tollen Grafik schon tausende Male in anderen Rollenspielen gesehen. Unter diesen Gesichtspunkten könnte man das Spiel höchstens überdurchschnittlich mit sechs Punkten bewerten. Auf der anderen Seite lässt sich "Crimson Gem Saga" aber als eine Hommage an das klassische 8- und 16-Bit-Rollenspielzeitalter verstehen, denn schließlich ist die Geschichte nicht unbedingt schlechter als bei jedem beliebigen Dragon-Quest-Spiel. Spielmechanisch ist es sehr ausgewogen und technisch brillant, so dass man hier von einer Liebeserklärung an das klassische Rollenspielgenre sprechen kann. Aus dieser Sicht sind jedoch maximal acht Punkte gerechtfertigt, da sich zu den bereits aufgeführten kleinen Mängeln auch noch einige uninspirierte Bosskämpfe dazugesellen. Und da ich persönlich diese zweite Meinung vertrete, wird "Crimson Gem Saga" mit eben acht Punkten bewertet. In diesem Sinne bleibt nur noch zu hoffen, dass auch andere koreanische Produkte die Grenzen ihres Landes verlassen.