Dark Spire, The
RPG


Minrod
September 09

 


Die recht erfolgreiche Reanimierung der tot geglaubten Dungeon-Crawler durch "Etrian Odyssey" für den Nintendo DS brachte zwangsläufig einige Nachahmer mit sich. Dabei sticht das erst einige Monate alte "The Dark Spire" mit einer künstlerisch wertvollen Präsentation besonders hervor. Vorwiegend in Schwarztönen mit möglichst wenigen Farbakzenten gehalten, zaubert es optisch eine richtig düstere und beklemmende Atmosphäre. Dies alleine war schon Grund genug für mich, mir die amerikanische Lokalisierung zu importieren.

Die Aufgabe, mit der man bei "The Dark Spire" betraut wird, entspricht voll und ganz dem klassischen Genreklischee: der böse Zauberer Tyrhung, der dem Titel des Spieles entsprechend im obersten Stockwerk eines dunklen Turmes residiert, muss aufgesucht und vernichtet werden. Zu diesem Zweck darf man sich in der Gilde der Abenteurer eine vierköpfige Gruppe aus sage und schreibe vier Rassen sowie ganzen vier Klassen zusammenzimmern. Wenn man dies der Vielseitigkeit eines "Etrian Odyssey" gegenüberstellt, erscheint einem die Auswahl mehr als dürftig. Als Rassen stehen einem Menschen, Elfen, Zwerge und Halblinge zur Verfügung, die in die obligatorischen Berufe des Kriegers, Diebes, Priesters und Magiers schlüpfen können. Die Zusammensetzung einer schlagkräftigen Gruppe sollte bei dieser Auswahl niemandem allzu schwer fallen, so dass man sich nach einer kurzen Trainingseinheit und nachfolgendem Bummel im ortsansässigen Shop im düsteren Dungeon wieder findet.

Die bereits erwähnte schicke Darstellung, die bei Bedarf auch in ganz simple Strichgrafik geändert werden kann (was jedoch nur extrem harten Retro-Freaks zusagen wird), sowie die recht flotte, an Castlevania erinnernde musikalische Untermalung überzeugen auf Anhieb. Unter diesen Gesichtspunkten machen die anfänglich wirklich harten Kämpfe sehr viel Spaß. Die ersten Schwächen des Spieles lassen aber nicht lange auf sich warten und offenbaren sich bereits direkt beim ersten Levelaufstieg.

Zu diesem Zweck muss jedes Mal die Gilde aufgesucht werden, in der man seine Erfahrungspunkte gegen einen Levelaufstieg eintauscht. Zusätzlich dürfen hier auch noch die Statuswerte erhöht oder besondere Fähigkeiten erlernt werden. Anfangs sollte man sich aber definitiv für einige Levelerhöhungen entscheiden, da man mit zusätzlichen Lebenspunkten sowie neuen Zaubersprüchen seine Überlebenschancen deutlich erhöht. Blöd nur, wenn man dabei jedes Mal nur einen einzigen Lebenspunkt gutgeschrieben kriegt. Anfangs habe ich mir Nichts dabei gedacht, aber nach 12 Würfen, bei denen die Lebenskraft meiner Helden immer nur um einen einzigen mickrigen Lebenspunkt erhöht wurde, roch ich den ersten Bug. Eine kleine Recherche im Internet gab jedoch sofort Entwarnung. Die Lebenspunkte der Charaktere werden bei jedem Stufenanstieg komplett neu ausgewürfelt. Ist der neu ermittelte Wert dabei kleiner als die vorhandenen Lebenspunkte, kriegt man immer nur einen Gnadenpunkt geschenkt. Da der Lebenspunktberechnung der Erfahrungslevel des Helden als Multiplikator dient, müsste man, sofern man anfangs immer nur einen Punkt kassiert hat, rein rechnerisch irgendwann 30 oder gar 50 Lebenspunkte auf einmal erhalten. Theoretisch ja, praktisch leider nein, denn bei 98% der Würfe muss man sich mit wirklich nur dem einen Gnadenpunkt begnügen. Deshalb sollte man vor jedem Levelaufstieg das Spiel speichern und dann so oft laden, bis man ein vernünftiges Ergebnis erzielt. Macht man es nicht, wird man zwangsläufig sehr oft das Zeitliche segnen. Ich kann mich hierbei nicht des Gefühls erwehren, dass das Programm gezinkte Würfel benutzt, um einen noch schneller als nötig ins virtuelle Grab zu befördern. Auf jeden Fall erweist sich diese Tatsache als völlig nervige und unnötige Spaßbremse.

Etliche Spielstunden und Levelaufstiege später darf man sich aus dem Pulk teilweise wirklich einfallsloser Subquests einige zur Erschließung neuer Charakterklassen vornehmen. Durch diverse Kombinationen der vier Basisberufe lassen sich die Helden daraufhin in den Rang eines Paladins, Samurais, Ninjas, Waldläufers, Druiden oder Zauberers erheben. Rein theoretisch zumindest, denn durch die jeweiligen Subquests werden nur die passenden Berufskombinationen offenbart, die restlichen Voraussetzungen bleiben im Dunkeln. Dazu gehören nicht nur die benötigten Erfahrungsstufen in den jeweiligen Berufen, sondern auch bestimmte Statuswerte und Fähigkeiten. Letztere fallen noch zusätzlich durch einem extrem hohen Grad an Sinnlosigkeit auf, da sie in den meisten Fällen nur einmal oder gar überhaupt nicht im Spiel benötigt werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Spielmechanik undurchsichtig und unlogisch erscheint.

Die acht großen Dungeons des regulären Spieles machen wiederum einiges an Boden gut. Sie sind regelrecht vollgestopft mit Fallen, Geheimgängen, Teleportern, lichtlosen Bereichen sowie anspruchsvollen Rätseln, die den Streifzug durch den Turm sehr abwechslungsreich gestalten. Die thematisch recht unterschiedlichen Stockwerke, die in einem Fall von Schurken und Piraten mitsamt Schiff und Fluss (!) bewohnt werden, in einem anderen wiederum einen Amazonenstamm und dichten Dschungel beherbergen, tragen ebenfalls einen Löwenanteil zur Motivation bei. Schließlich möchte man wissen, welche skurrilen Erlebnisse einen noch erwarten. Dass der dunkle Turm dabei sehr surrealistisch wirkt und das Spiel nicht ganz ernst genommen werden kann, erkennt man nicht nur an dem von einem kleinen Eichhörnchen betriebenen Aufzug (den es erst zu reparieren gilt), sondern an vielen sonderbaren Aufgaben. In der Regel bauen sie aufeinander auf und spinnen die immer seltsamer werdende Story weiter. Problematisch wird es nur, wenn man dabei irgendetwas übersieht. Dann läuft man regelrecht gegen die sprichwörtliche Wand und kommt keinen Schritt weiter. Aus derartiger Zwickmühle hilft nur noch eine Komplettlösung, da das Spiel selbst jegliche Hilfestellung verweigert. Es sei denn, man ist bereit alles noch einmal gründlich zu untersuchen, was einen enormen Zeitaufwand mit sich bringt. Deshalb ist es extrem wichtig, die Suchfunktion von Anfang an ständig zu benutzen, da vieles erst durch explizite Betrachtung ans Tageslicht kommt. Gute Englischkenntnisse sind dabei unerlässlich. Die tolle Musik, die ebenfalls mit ständig neuen Melodien und gegen Ende sogar mit einem Pseudo-Operngesang aufwartet, wertet die Dungeon-Spaziergänge noch zusätzlich auf.

Von den zahlreichen Zufallsbegegnungen gibt es wiederum nicht soviel Positives zu berichten. Auch wenn sie zu Beginn noch sehr fordernd und unterhaltsam sind, degradieren sie im Verlauf mangels taktischer Möglichkeiten zum reinen Button Smashing. Und das trotz eines sehr viel versprechenden Kampfmenüs, das sowohl schnelle, präzise, wilde oder gar ganz riskante Manöver erlaubt. Dies liegt größtenteils am unausgewogenen Verhältnis zwischen physischen und magischen Angriffen. Während die Zaubersprüche mit der Zeit immer stärker und verheerender werden, erfahren die Nahkampfwaffen eine Abwertung. Dies hängt mit dem beschränkten Sortiment an Waffen und sonstigen Ausrüstungsgegenständen zusammen, da sogar der einzige Laden der Stadt keine neuen Waren bekommt, so dass mit der Zeit auch das erbeutete Geld nutzlos wird. In Anbetracht der immer stärker werdenden Gegner verwandeln sich somit die einst guten Schwerter zu Zahnstochern. Aus diesem Grund sollte man unbedingt sicherstellen, dass im fortgeschrittenen Spielverlauf wirklich alle vier Charaktere über Zauberkräfte verfügen. Die Kämpfe gestalten sich dadurch recht einfach, sind jedoch sehr eintönig, da man später ständig auf immer dieselben Zauber zurückgreift. Somit ist man in den Kampfphasen primär mit dem Wegdrücken der unheimlich langsam scrollenden Texte beschäftigt.

Fazit: Wie man sieht, macht "The Dark Spire" genauso viel richtig wie falsch, so dass es im Endeffekt nicht ganz überzeugen kann. Während es optisch, akustisch und atmosphärisch gefällt, ist es spielmechanisch unausgereift und unnötig kompliziert. Die diffuse, lückenhafte Story dürfte ebenfalls nicht jedermanns Geschmack treffen, so dass ich das Spiel nicht einmal Genreliebhabern uneingeschränkt empfehlen möchte. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den teilweise wirklich knackigen Aufgaben, die einen in manchen Fällen an den Rand der Verzweiflung bringen können. Die beigefügte Soundtrack-CD macht wiederum etwas gut, so dass ich an "The Dark Spire" sieben Punkte vergebe, wenn auch recht knapp.