Die Rollenspielserie Dragon Quest hatte es außerhalb Japans lange
Zeit schwer. Die Probleme begannen bereits bei der Veröffentlichung
der ersten vier NES-Teile in den Vereinigten Staaten. Aus rechtlichen
Gründen musste der Name in Dragon Warrior umbenannt werden. Die Verkaufszahlen
waren trotz aufwendiger Lokalisierung und technischer Verbesserungen nicht
zufriedenstellend. Daraufhin wurden die genialen SNES-Nachfolger nur noch
in Japan veröffentlicht. Erst ganze zehn Jahre später gab Enix
der Reihe in Amerika eine weitere Chance in Form der Game Boy Color-Remakes
der ersten drei Teile. Aufgrund dieses glücklichen Umstands kann
ich euch heute einiges über ein kleines Rollenspielwunder alias Dragon
Quest 3 bzw. Dragon Warrior 3 erzählen.
Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, braucht unsere zukünftige
Spielfigur einen Namen, einen Geburtstag und ein Geschlecht. Danach
müssen moralische Fragen einer geheimnisvollen Stimme beantwortet
und im Anschluss eine kleine Quest absolviert werden. Aus dem Ganzen
wird anschließend unser Held mitsamt Statuswerten errechnet.
Raus aus den Federn! Am Morgen ihres 16. Geburtstags hat in meinem
Fall die zukünftige Heldin eine Audienz beim König. Dort erfährt
sie, dass ihr Vater beim Versuch den Dämonenkönig Baramos
zu stoppen in den Vulkan gefallen und verschwunden ist. Als legitime
Nachfolgerin bekommt sie nun den Auftrag, seine Mission zu vollenden.
Da diese Aufgabe im Alleingang einen ganz schön harten Brocken
darstellen würde, geht es zuerst in die Taverne. Aus diversen Berufsgruppen
können dort bis zu drei willige Mitkämpfer rekrutiert werden:
-Warrior: Besitzt sehr hohe Angriffswerte und kann mit schweren Waffen
und Rüstungen umgehen. Dafür ist er langsam und kann auf keine
Magie zurückgreifen.
-Fighter: Ein schneller Kämpfer mit guten Angriffswerten. Benötigt
wenig Ausrüstung und verfügt ebenfalls über keine Magie.
-Cleric: Der typische Heiler mit überraschend guter Verteidigung.
-Mage: Weist eine große Anzahl an Offensivsprüchen auf, ist
jedoch sehr verletzlich.
-Dealer: Der Spezialist für den Handel und somit Items, kann diese
untersuchen und bewerten. Zusätzlich sorgt er für eine höhere
finanzielle Ausbeute nach den Kämpfen.
-Jester: Ein Witzbold, der fast nie auf Befehle hört. Scheinbar
nutzlos, wäre da nicht ein Geheimnis.
-Thief: Durch ihn lassen die Gegner mehr Items fallen. Er ist schnell,
aber nicht besonders stark.
Der Bonusberuf Sage wird erst im Verlauf des Spieles freigeschaltet.
Er stellt eine Mischung aus Cleric und Mage mit traumhaften Statuswerten
dar.
Später wird ein Tempel zugänglich, in dem die Charaktere
ab dem 20. Level den ausgeübten Beruf wechseln können. Die
Erfahrungsstufen gehen dabei verloren, die Statuswerte werden halbiert
und alle gelernten Zaubersprüche beibehalten. Dieses Berufssystem
ist nicht allzu komplex, bietet jedoch einige tolle Möglichkeiten.
Ein magiekundiger Krieger oder ein blitzschneller Heiler können
das Überleben wesentlich erleichtern.
Die ersten Spielstunden verlaufen in klassischer Rollenspielmanier
linear. Man bereist andere Städte, kauft neue Ausrüstung,
besucht diverse Dungeons, leistet Hilfe und levelt bei Bedarf in rundenbasierten
Zufallskämpfen auf. Allzu bald verfügt man über ein stattliches
Schiff, das in uns den Forscherinstinkt weckt. Mit dem Kahn lässt
sich fast die gesamte riesige Welt mit all ihren Geheimnissen erkunden.
Ich habe mich dabei nie verloren gefühlt, da man von Anfang an
mit guten Tipps versorgt wird. Und mit der Karte, die bequem mit Select
aufgerufen werden kann, ist man über seinen derzeitigen Aufenthaltsstandort
immer im Bilde.
Mitten in einem See und von einer Bergkette umschlossen findet man
schließlich die scheinbar uneinnehmbare Festung von Baramos. Um
Zugang zum Hort des Bösen zu erhalten, ist man auf fremde Hilfe
angewiesen, die auf einer eisigen Insel in Form zweier Priesterinnen,
die ein heiliges Ei bewachen, zu finden ist. Mit sechs magischen Orbs
lässt sich der göttliche Vogel Lamia erwecken, der uns daraufhin
seine Gunst erweist. Um die Edelsteine zusammenzutragen, müssen
jedoch einige Aufgaben und Rätsel gelöst werden. Diese sind
sehr abwechslungsreich und unterhalten vorzüglich. Eine Variante
der japanischen Legende um den Jungfrauen verspeisenden Drachen Orochi
oder ein Besuch auf einem Geisterschiff sind dabei ebenso enthalten
wie eine Solomutprobe. So können letztendlich auch die restlichen
weißen Flecken auf der Karte erkundet werden, unter anderem auch
Baramos Unterkunft. Nach dem harten Sieg über den Dämonenkönig
fängt das Abenteuer aber erst richtig an...
Im letzten Drittel des Spieles wird eine Verbindung zu den beiden ersten
Dragon Quest-Spielen hergestellt. Der dritte Teil entpuppt sich dabei
als Prequel und somit chronologisch als das allererste Dragon Quest.
Wer also schon immer wissen wollte, wie diese kultige Rollenspielreihe
ihren Anfang nahm, ist hier goldrichtig.
Das Gameplay bleibt stets schnörkellos und übersichtlich.
Trotzdem gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Der Tag-/Nachtrhythmus
ist essentiell für das Lösen vieler Rätsel. Während
nachts viele Bewohner schlafen, quellen die Tavernen vor lauter Gästen
über und draußen treiben sich besonders viele Monster herum.
Der Held hat einen ungewöhnlichen Zauberspruch auf Lager. Mit "Remember"
kann er ein gerade geführtes Gespräch aufzeichnen und jederzeit
abrufen. Dies ist sehr praktisch, wenn zum Beispiel ein Kinderreim angeblich
irgendetwas mit dem nahgelegenen Dungeon zu tun hat. Gespeichert werden
kann nur in Schlössern, im Freien ist aber auch eine Schnellspeicherung
möglich.
Grafisch gibt es bei Dragon Quest 3 nichts zu bemängeln. Die farbenfrohe
Welt ist voller Details und lädt zum Erkunden ein. Da die Kämpfe
aus der Egoperspektive gezeigt werden, sind vor allem die großen
und abwechslungsreichen Monster-Sprites erwähnenswert. Die niedlichen
Schurken aus der Feder des Manga-Zeichners Akira Toriyama wurden sogar
mit individuellen Animationen aufgewertet. Die Musik beinhaltet viele
bekannte Dragon Quest-Stücke, die perfekte Untermalung für
ein heroisches Abenteuer garantieren.
Die technisch angepasste Game Boy Color-Umsetzung wurde gegenüber
dem NES-Original um einige Zusatzinhalte erweitert. Das Intro des nur
in Japan erschienenen SNES-Remakes ist ebenfalls enthalten wie ein Bonus-Dungeon
mit einem ultimativen Endgegner. Diverse Nebenquests und Ablenkungen
wie zum Beispiel Monsterringkämpfe sowie Pachisi-Spielbretter laden
zu einer Verschnaufpause ein. Mit dem Sammeln von Tiny-Medals und Monstermedaillen
könnte man Stunden verbringen.
Fazit: Kaum zu glauben, aber nach den ersten beiden eher simpel gestrickten
Dragon Quest-Teilen hat Enix mit dem dritten Ableger ein echtes Epos
und den Anfang einer Legende geschaffen. Die unkomplizierte Steuerung
und der gut ausbalancierte Schwierigkeitsgrad überzeugen ebenso
wie der stattliche Umfang. Dragon Quest 3 ist einfach eine runde Sache,
die dauernd motiviert, voller Überraschungen steckt und sich nie
zu Ernst nimmt. Ein absolutes Muss für Liebhaber klassischer Rollenspielkultur!
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