Fly Harder
Geschicklichkeit

Minrod
August 09
 

Fly Harder - Thrust par excellence

Mit dem recht simplen Spiel "Thrust" begründete der Entwickler Superior Software 1986 das einzigartige Genre der Gravitationsspiele, bei dem der Kampf gegen die Gravitationskraft mittels Schubkraft im Vordergrund steht. Mit einem kleinen Raumgleiter musste man in verzweigten Höhlenkomplexen diverser Planeten Rohstoffe in Form kleiner Energiebälle bergen, ohne an Gesteinswänden zu zerschellen. Aufgrund der ungewohnten, auf Rotation und Schubkraft basierenden Steuerung gestaltete sich diese Aufgabe für zahlreiche Spieler als zu schwierig, vor allem wenn die Ladung einen noch mehr als sonst nach unten zog. Des Weiteren mussten auch die Treibstoffanzeige sowie die feindlichen Selbstschussanlagen im Auge behalten werden, was manch einen trotz vorhandener Schusswaffe sowie des jederzeit einsetzbaren Schutzschildes an den Rand der Verzweiflung bringen konnte. Das sensible "Thrust" verlangte vom Spieler ein ausgesprochen feines Fingerspitzengefühl, was es letztendlich nur für eine kleine Fangemeinde interessant machte. Im Nachhinein wurde diese Spielmechanik nur noch selten von einem Entwickler aufgegriffen, versprach sie doch kaum gute Umsätze. Die Köpfe hinter dem deutschen Label Starbyte müssen jedoch ziemliche Liebhaber der Gravitationsspiele gewesen sein, als sie "Fly Harder" ins Leben riefen, das mich auf dem Commodore Amiga und vor kurzem erneut auf dem CD32 in Thrust-Fieber versetzte.

Mit der kurzen Story um das interstellare Raumschiff Irata, das auf dem Planeten Zarkow seine Vorräte aufstocken will, schlägt das Spiel in die gleiche Kerbe wie das Vorbild. Zu dumm nur, dass die insektoiden Bewohner des Planeten etwas dagegen haben und ihr ausgeklügeltes Sicherheitssystem aktivieren, um die Eindringlinge am Landen zu hindern. In der Not beschließt Kapitän Nokdar seine fünf besten Piloten in kleinen wendigen Raumgleitern zur Planetenoberfläche zu entsenden, damit sie die Reaktoren, die Energiequellen des Sicherheitssystems, zerstören.

Gesagt, getan. Somit hat man als Spieler fünf Raumschiffe (Leben) zur Verfügung, um diese brisante Aufgabe zu bewältigen. Ziel eines jeden Abschnitts ist es, alle verstreuten Energie-Sphären zu finden, zu bergen und in den Reaktor zu stoßen, der daraufhin durch Überlastung explodiert. So einfach sich das alles auch anhören mag, so schwer ist es in der Praxis umzusetzen. Obwohl "Fly Harder" das Gravitationsgenre um einige neue Akzente bereichert, bleibt es dem ursprünglichen Spielprinzip ganz treu. Die Gleiter werden somit nach wie vor durch Rotation und Schubkraft bewegt und müssen ständig gegen die Gravitationskraft des Planeten ankämpfen. Diese lässt sich im Optionsmenü jedoch etwas schwächen oder bei Bedarf sogar noch verstärken. Das Gleiche gilt auch für die Aggressivität der feindlichen Bewohner, die gesenkt oder erhöht werden kann. Die zahlreich vertretenen Gegner stellen jedoch kein allzu großes Übel dar, da die sich ständig erneuernden Schutzschilde der eigenen Gleiter eine Menge Treffer vertragen. Unserer Feuerkraft, die sich durch das Aufsammeln eines entsprechenden Items verbessern lässt, können sie in den meisten Fällen auch nicht allzu viel entgegensetzen. Im fortgeschrittenen Spielverlauf treten sie aber in Scharen auf und können das Manövrieren erheblich behindern. Als lästig erweisen sich jedoch die Selbstschussanlagen, die besonders auf engem Raum tödlich sein können, vor allem wenn der eigene Schutzschild durch eine leichte Kollision mit einem Hindernis zu sehr überstrapaziert wurde. Anders als beim Vorbild stirbt man hier nicht sofort bei jeder noch so klitzekleinen Berührung, was das ganze Spiel etwas entspannter gestaltet. Eine direkte Kollision mit einer Wand überlebt man aber auch hier nicht. Besonders gemein installierte Gravitationsmanipulatoren verleiten den Spieler an manchen Stellen jedoch dazu. Ein außerordentlich wirksames Element des feindlichen Sicherheitssystems stellen die zahlreich vorhandenen Laserbarrieren dar, die nur mittels des passenden Schalters deaktiviert werden können. Blöd dabei ist nur, dass man nicht erkennen kann, welcher Schalter zu welcher Barriere gehört, so dass die ideale Vorgehensweise für jeden einzelnen Spielabschnitt experimentell herausgefunden werden muss. Unnütze Schalter, die nur für Verwirrung sorgen oder gar die Gravitationskraft umkehren, sorgen noch für zusätzliches Chaos. Neben einer guten Portion an Geschicklichkeit ist hier also auch noch Kopfarbeit gefragt. Die acht Spielabschnitte werden von Mal zu Mal umfangreicher und komplexer und die Anzahl der vorhandenen Energie-Sphären steigt. Anders als beim Vorbild werden die Sphären mittels Magnetismus an den eigenen Gleiter gekoppelt und behindern ihn nicht beim Fliegen. Auf diese Weise kann man nicht nur eine, sondern eine beliebige Anzahl an Sphären gleichzeitig mit sich transportieren. Man sollte aber bedenken, dass die Schubkraft des Gleiters die Sphären mit entsprechender Fliehkraft versorgt, so dass sie bei zu wilden Ausweichmanövern an allen möglichen Hindernissen zerschellen können. Zu guter Letzt sollte man auch hier auf die Treibstoffanzeige achten, um nicht völlig überrascht abzustürzen.

Wie man sieht, ist "Fly Harder" ein wahrlich gelungener und abwechslungsreicher Vertreter der nur wenige Titel umfassenden Gravitationsspiele. Es gehört zweifelsfrei zu den schwersten Spielen überhaupt, auch wenn es leichter als das Vorbild ist. Dank eines Passwortsystems muss man auch nicht das ganze Spiel am Stück bewältigen, wie es bei "Thrust" der Fall ist. Alle acht Levels hintereinander würde ich ganz sicher niemals schaffen. Um bei diesem Spiel gut zu sein, muss man sich wirklich ständig konzentrieren, da schon die kleinste falsche Bewegung zur Niederlage führen kann. Im Fall eines Lebensverlustes werden auch alle Gegner und Schalter in den Ursprungszustand versetzt und man muss wieder ganz am Anfang des jeweiligen Abschnitts beginnen. Nur die bereits im Reaktor versenkten Sphären gelten als erledigt.

Das einzig Negative ist der viel zu geringe Levelumfang. Auch wenn jeder Spielabschnitt mit einer eigenen grafischen Kulisse aufwartet, was "Fly Harder" zum schönsten Spiel dieser Art macht, so hätten es nach meinem Geschmack ruhig etwas mehr als nur acht sein können. Wie dem auch sei, eine kurze, dafür aber hervorragende Unterhaltung ist immer noch besser als eine lange und öde. Die gelungenen futuristischen Soundtracks, die jeweils im Startbildschirm und im Spiel ertönen, runden den sehr guten Gesamteindruck des Spieles ab. Die ein Jahr später durch Krisalis veröffentlichte Fassung für den CD32 unterscheidet sich dabei bis auf die etwas andere Handhabung nicht im Geringsten von der Diskettenausgabe.

Zum Schluss möchte ich "Fly Harder" all jenen, die genug Nerven, Feingefühl und Ausdauer besitzen, wärmstens ans Herz legen, obwohl es mit Sicherheit nicht viele sein werden. Das Spielprinzip wurde schon bei der Veröffentlichung des Spieles von zahlreichen Fachmagazinen als veraltet und unspielbar abgestempelt, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Sogar ein renommiertes Blatt wie der "Amiga Joker" ließ sich damals zu einem oberflächlichen Test hinreißen, ohne das Spiel offensichtlich länger als Nötig gespielt zu haben. Auf der anderen Seite gab es damals aber auch einige Tester, die die Herausforderung und den Anspruch des Spieles zu würdigen wussten, denn während es bei einigen in tiefste Tiefen abstürzte (und das im wahrsten Sinne des Wortes), wurde es bei anderen hoch in den Himmel gelobt. Daran sieht man, wie sehr Gravitationsspiele die Geister scheiden. Auf jeden Fall sind sie nicht für Gelegenheitsspieler geeignet, da sie eine extrem intensive Auseinandersetzung erfordern. An dieser Stelle möchte ich noch auf die etwas ältere Amiga-Publikation "Zarathrusta" hinweisen, die zusammen mit "Fly Harder" zu den besten Vertretern des Genres gehört.