Fly Harder - Thrust par excellence
Mit dem recht simplen Spiel "Thrust" begründete der
Entwickler Superior Software 1986 das einzigartige Genre der Gravitationsspiele,
bei dem der Kampf gegen die Gravitationskraft mittels Schubkraft im
Vordergrund steht. Mit einem kleinen Raumgleiter musste man in verzweigten
Höhlenkomplexen diverser Planeten Rohstoffe in Form kleiner Energiebälle
bergen, ohne an Gesteinswänden zu zerschellen. Aufgrund der ungewohnten,
auf Rotation und Schubkraft basierenden Steuerung gestaltete sich diese
Aufgabe für zahlreiche Spieler als zu schwierig, vor allem wenn
die Ladung einen noch mehr als sonst nach unten zog. Des Weiteren mussten
auch die Treibstoffanzeige sowie die feindlichen Selbstschussanlagen
im Auge behalten werden, was manch einen trotz vorhandener Schusswaffe
sowie des jederzeit einsetzbaren Schutzschildes an den Rand der Verzweiflung
bringen konnte. Das sensible "Thrust" verlangte vom Spieler
ein ausgesprochen feines Fingerspitzengefühl, was es letztendlich
nur für eine kleine Fangemeinde interessant machte. Im Nachhinein
wurde diese Spielmechanik nur noch selten von einem Entwickler aufgegriffen,
versprach sie doch kaum gute Umsätze. Die Köpfe hinter dem
deutschen Label Starbyte müssen jedoch ziemliche Liebhaber der
Gravitationsspiele gewesen sein, als sie "Fly Harder" ins
Leben riefen, das mich auf dem Commodore Amiga und vor kurzem erneut
auf dem CD32 in Thrust-Fieber versetzte.
Mit der kurzen Story um das interstellare Raumschiff Irata, das auf
dem Planeten Zarkow seine Vorräte aufstocken will, schlägt
das Spiel in die gleiche Kerbe wie das Vorbild. Zu dumm nur, dass die
insektoiden Bewohner des Planeten etwas dagegen haben und ihr ausgeklügeltes
Sicherheitssystem aktivieren, um die Eindringlinge am Landen zu hindern.
In der Not beschließt Kapitän Nokdar seine fünf besten
Piloten in kleinen wendigen Raumgleitern zur Planetenoberfläche
zu entsenden, damit sie die Reaktoren, die Energiequellen des Sicherheitssystems,
zerstören.
Gesagt, getan. Somit hat man als Spieler fünf Raumschiffe (Leben)
zur Verfügung, um diese brisante Aufgabe zu bewältigen. Ziel
eines jeden Abschnitts ist es, alle verstreuten Energie-Sphären
zu finden, zu bergen und in den Reaktor zu stoßen, der daraufhin
durch Überlastung explodiert. So einfach sich das alles auch anhören
mag, so schwer ist es in der Praxis umzusetzen. Obwohl "Fly Harder"
das Gravitationsgenre um einige neue Akzente bereichert, bleibt es dem
ursprünglichen Spielprinzip ganz treu. Die Gleiter werden somit
nach wie vor durch Rotation und Schubkraft bewegt und müssen ständig
gegen die Gravitationskraft des Planeten ankämpfen. Diese lässt
sich im Optionsmenü jedoch etwas schwächen oder bei Bedarf
sogar noch verstärken. Das Gleiche gilt auch für die Aggressivität
der feindlichen Bewohner, die gesenkt oder erhöht werden kann.
Die zahlreich vertretenen Gegner stellen jedoch kein allzu großes
Übel dar, da die sich ständig erneuernden Schutzschilde der
eigenen Gleiter eine Menge Treffer vertragen. Unserer Feuerkraft, die
sich durch das Aufsammeln eines entsprechenden Items verbessern lässt,
können sie in den meisten Fällen auch nicht allzu viel entgegensetzen.
Im fortgeschrittenen Spielverlauf treten sie aber in Scharen auf und
können das Manövrieren erheblich behindern. Als lästig
erweisen sich jedoch die Selbstschussanlagen, die besonders auf engem
Raum tödlich sein können, vor allem wenn der eigene Schutzschild
durch eine leichte Kollision mit einem Hindernis zu sehr überstrapaziert
wurde. Anders als beim Vorbild stirbt man hier nicht sofort bei jeder
noch so klitzekleinen Berührung, was das ganze Spiel etwas entspannter
gestaltet. Eine direkte Kollision mit einer Wand überlebt man aber
auch hier nicht. Besonders gemein installierte Gravitationsmanipulatoren
verleiten den Spieler an manchen Stellen jedoch dazu. Ein außerordentlich
wirksames Element des feindlichen Sicherheitssystems stellen die zahlreich
vorhandenen Laserbarrieren dar, die nur mittels des passenden Schalters
deaktiviert werden können. Blöd dabei ist nur, dass man nicht
erkennen kann, welcher Schalter zu welcher Barriere gehört, so
dass die ideale Vorgehensweise für jeden einzelnen Spielabschnitt
experimentell herausgefunden werden muss. Unnütze Schalter, die
nur für Verwirrung sorgen oder gar die Gravitationskraft umkehren,
sorgen noch für zusätzliches Chaos. Neben einer guten Portion
an Geschicklichkeit ist hier also auch noch Kopfarbeit gefragt. Die
acht Spielabschnitte werden von Mal zu Mal umfangreicher und komplexer
und die Anzahl der vorhandenen Energie-Sphären steigt. Anders als
beim Vorbild werden die Sphären mittels Magnetismus an den eigenen
Gleiter gekoppelt und behindern ihn nicht beim Fliegen. Auf diese Weise
kann man nicht nur eine, sondern eine beliebige Anzahl an Sphären
gleichzeitig mit sich transportieren. Man sollte aber bedenken, dass
die Schubkraft des Gleiters die Sphären mit entsprechender Fliehkraft
versorgt, so dass sie bei zu wilden Ausweichmanövern an allen möglichen
Hindernissen zerschellen können. Zu guter Letzt sollte man auch
hier auf die Treibstoffanzeige achten, um nicht völlig überrascht
abzustürzen.
Wie man sieht, ist "Fly Harder" ein wahrlich gelungener und
abwechslungsreicher Vertreter der nur wenige Titel umfassenden Gravitationsspiele.
Es gehört zweifelsfrei zu den schwersten Spielen überhaupt,
auch wenn es leichter als das Vorbild ist. Dank eines Passwortsystems
muss man auch nicht das ganze Spiel am Stück bewältigen, wie
es bei "Thrust" der Fall ist. Alle acht Levels hintereinander
würde ich ganz sicher niemals schaffen. Um bei diesem Spiel gut
zu sein, muss man sich wirklich ständig konzentrieren, da schon
die kleinste falsche Bewegung zur Niederlage führen kann. Im Fall
eines Lebensverlustes werden auch alle Gegner und Schalter in den Ursprungszustand
versetzt und man muss wieder ganz am Anfang des jeweiligen Abschnitts
beginnen. Nur die bereits im Reaktor versenkten Sphären gelten
als erledigt.
Das einzig Negative ist der viel zu geringe Levelumfang. Auch wenn
jeder Spielabschnitt mit einer eigenen grafischen Kulisse aufwartet,
was "Fly Harder" zum schönsten Spiel dieser Art macht,
so hätten es nach meinem Geschmack ruhig etwas mehr als nur acht
sein können. Wie dem auch sei, eine kurze, dafür aber hervorragende
Unterhaltung ist immer noch besser als eine lange und öde. Die
gelungenen futuristischen Soundtracks, die jeweils im Startbildschirm
und im Spiel ertönen, runden den sehr guten Gesamteindruck des
Spieles ab. Die ein Jahr später durch Krisalis veröffentlichte
Fassung für den CD32 unterscheidet sich dabei bis auf die etwas
andere Handhabung nicht im Geringsten von der Diskettenausgabe.
Zum Schluss möchte ich "Fly Harder" all jenen, die genug
Nerven, Feingefühl und Ausdauer besitzen, wärmstens ans Herz
legen, obwohl es mit Sicherheit nicht viele sein werden. Das Spielprinzip
wurde schon bei der Veröffentlichung des Spieles von zahlreichen
Fachmagazinen als veraltet und unspielbar abgestempelt, was ich absolut
nicht nachvollziehen kann. Sogar ein renommiertes Blatt wie der "Amiga
Joker" ließ sich damals zu einem oberflächlichen Test
hinreißen, ohne das Spiel offensichtlich länger als Nötig
gespielt zu haben. Auf der anderen Seite gab es damals aber auch einige
Tester, die die Herausforderung und den Anspruch des Spieles zu würdigen
wussten, denn während es bei einigen in tiefste Tiefen abstürzte
(und das im wahrsten Sinne des Wortes), wurde es bei anderen hoch in
den Himmel gelobt. Daran sieht man, wie sehr Gravitationsspiele die
Geister scheiden. Auf jeden Fall sind sie nicht für Gelegenheitsspieler
geeignet, da sie eine extrem intensive Auseinandersetzung erfordern.
An dieser Stelle möchte ich noch auf die etwas ältere Amiga-Publikation
"Zarathrusta" hinweisen, die zusammen mit "Fly Harder"
zu den besten Vertretern des Genres gehört.
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