Das Sega CD (in Europa Mega CD) wurde mit wenigen, aber feinen Rollenspielen
versorgt. Der erste Teil der Lunar-Serie war Anfang der 90´er einer
DER Kaufgründe für die Mega Drive-Erweiterung. Nachdem ich die
vollkommen überarbeitete Saturn-Fassung gespielt habe, wurde ich
neugierig auf das Original, welches ich hier vorstellen möchte.
Story/Charaktere: Der abenteuerlustige Alex lebt mit seiner
Familie und Sandkastenfreundin Luna fernab von allem Trubel im friedlichen
Inselstädtchen Burg. Sein großes Idol ist der Drachenmeister
Dyne, dessen Grab an einem nahen Hügel liegt. Als sein Kumpel Ramus
ihn um Hilfe bei einer Schatzsuche bittet, ist Alex sofort Feuer und
Flamme. Begleitet werden sie von Alex´s "Haustier" Nall,
einem seltsamen katzenähnlichen Wesen mit Flügeln, sowie von
Luna, die sich Sorgen um die Flausen der beiden Jungs macht. In der
weißen Höhle finden die jungen Abenteurer jedoch nicht nur
einen Schatz sondern auch einen echten Drachen, der zum Glück freundlich
gesinnt ist. Danach geht es in die Hauptstadt, um den gefundenen Edelstein
zu verkaufen. Alex spürt wie es ihn in die Welt zieht, schweren
Herzens trennt er sich von Luna und nimmt das nächste Schiff Richtung
Festland. Im Laufe des Spieles schließt Alex nicht nur neue Freundschaften,
sondern macht auch Bekanntschaft mit Vile Tribe, einer Organisation,
die bereits vor vielen Jahren Unheil über das Land brachte. Doch
damals konnten vier legendäre Helden mit Hilfe der Göttin
Althena ihrem dämonischen Treiben ein Ende bereiten. Unter der
Herrschaft des mächtigen Magiers Ghaleon ist Vile Tribe jedoch
wiederauferstanden und die Welt steht erneut kurz vor dem Untergang.
Doch nur, wenn er der neue Drachenmeister wird, hat Alex überhaut
eine Chance gegen die bösen Mächte, die zudem ein besonderes
Interesse an der geheimnisvollen Luna haben.
Der Übersichtlichkeit wegen möchte ich euch nun die Charaktere
des Spieles näher bringen:
Alex: Ein lebensfroher junger Bursche, liebt seine Freundin Luna und
verehrt Drachenmeister Dyne. Im Nahkampf wie in der Magie eine echte
Granate und der stärkste Charakter im Spiel.
Luna: Begabte Sängerin, Findelkind, wurde von Alex´s Familie
aufgezogen. Nur kurz spielbar, statt Magie greift sie auf magische Gesänge
zurück.
Ramus: Alex´s bester Freund, träumt von Reichtum und einem
eigenen Geschäft. Wenige Stunden am Anfang verfügbar, durchwachsener
Nahkämpfer ohne magische Begabung.
Nash: Eingebildeter Magier aus der fliegenden Festung Vane, ist in
Mia verliebt. Zaubert ausschließlich mit Donnersprüchen,
wegen seiner schwachen Verteidigung besser für Fernwaffen geeignet.
Jessica: Burschikose, vorlaute Priesterin, Tochter eines der vier alten
Helden. Spezialistin für Heil- und Hilfszauber, moderate Nahkämpferin.
Mia: Vanes vielversprechendste Magierin, ihre Mutter zählt ebenfalls
zu den vier Helden. Kann auf eine Vielzahl nützlicher Zaubersprüche
zurückgreifen, an der vordersten Front ist sie jedoch unbrauchbar.
Kyle: Früher ein Bandit, nun Chef der Grenze zum Frontier, arroganter
Ladykiller. Starker Nahkämpfer, statt Magie benutzt er diverse
Schwerttechniken.
Die Geschichte überzeugt durch ihre liebenswerten Charaktere sowie
die lebendige Welt. Dramatische Ereignisse und humorvolle Dialoge lassen
es nie langweilig werden und motivieren zum Weiterspielen. Überhaupt
haben die Bewohner in Lunar sehr viel zu erzählen. Oft ergibt sich
ein Dialog mit einem der Helden und nicht wie in vielen anderen Rollenspielen
ein Monolog des Angesprochenen.
Gameplay: Lunar ist ein klassisches, rundenbasiertes Rollenspiel.
Lange, verwinkelte Dungeons wechseln sich mit knuffigen Städten
ab, die zum Aufrüsten und Plauschen genutzt werden. Die Mitglieder
der Kampfgruppe wechseln immer wieder und sorgen somit zusätzlich
für Abwechslung. Nall fungiert nicht nur als Verwalter des Menüs,
er kann auf Wunsch im Kampf - meist nutzlose - Infos zum Gegner geben.
Während der Auseinandersetzungen bleiben die Charaktere und Feinde
nicht starr auf ihren Posten sitzen, sondern bewegen sich auf dem Kampffeld.
Je näher die Monster, desto öfter können Alex und Co.
zuschlagen. Wenn sie zu einem Monster hinlaufen müssen, wird diese
Bewegung von der Angriffshäufigkeit abgezogen. Magie ist daran
nicht gebunden und kann überall eingesetzt werden. Die Charaktere
können in vordere und hintere Reihe geordnet werden. Neben dem
Angriff-, Magie- und Item-Befehl gibt es auch noch den Punkt Flee (Fliehen).
Damit ist nicht die Flucht aus dem Kampf gemeint sondern der Rückzug
der Figur in eine sichere Ecke des Kampffeldes. Interessanterweise ist
die Flucht aus dem Kampf (Run) nicht nur zusammen sondern auch einzeln
möglich, ohne dass der Kampf unterbrochen wird.
Anstatt wie die meisten Rollenspiele Gasthäuser als Orte der Heilung
einzusetzen, sind auf der ganzen Oberwelt orange und blaue Steine verteilt.
Während die orangenen die Verletzungen heilen, füllen die
blauen die Magieleiste wieder auf. Komplette Regeneration ist nur in
den sporadisch auftauchenden Althena-Tempeln möglich.
Für ein 16-Bit-RPG ist der Schwierigkeitsgrad erstaunlich niedrig.
Schon nach wenigen Stunden kann man sich kostenfrei zwischen allen besuchten
Städten und wichtigen Orten hin und her teleportieren. Während
vor allem am Anfang manche Dungeons etwas härter sind, ist die
zweite Hälfte aufgrund des schnellen Auflevelns und der schwachen
Gegner (Oder starken Charaktere?) problemlos zu bewältigen.
Typisch für ein Spiel dieses Alters ist das umständliche Einkaufen.
Es gibt keine Infos über den Effekt einzelner Items oder die Auswirkung
neuer Ausrüstung. Hier ist einfach ein Blick in die Bedienungsanleitung
oder ins Internet unverzichtbar.
Grafik: Technisch ist Lunar stark gealtert. Die Spielgrafik
entspricht dem 16-Bit-Standard und kann mit späteren SNES/PCE-Perlen
nicht mithalten. Bei den Zwischensequenzen kommt jedoch die Sega CD-Power
zum Einsatz. In schöner Anime-Grafik werden immer wieder kurze
Filme oder hübsche Standbilder eingeblendet. Während die Städte
abwechslungsreich gestaltet sind, wird bei den Dungeons oft nur die
Farbe gewechselt. In den einzelnen Gebieten gibt es nur wenige Gegner,
dafür sind es meistens neue und fast keine Farbvariationen.
Musik/Sound: Der Soundtrack ist guter Durchschnitt. Die gelungene
englische Sprachausgabe unterstützt die kurzweilige Geschichte
und trägt sehr viel zur Atmosphäre bei. Im Intro gibt es ein
fetziges Lied, leider das einzige im Spiel.
Fazit: Lunar ist ein kleines, aber sehr feines Rollenspiel.
Obwohl es etwas unausgewogen ist, kann es durch seine herzliche Geschichte
überzeugen. Leider ist das Spielvergnügen etwas kurz geraten
und schon in 15 bis 20 Stunden zu Ende. Selbst für Kenner der Playstation/Saturn/GBA-Remakes
bleibt es aufgrund einiger Storyveränderungen interessant. Wer
ein Sega CD oder einen Importadapter besitzt, kommt um dieses Kleinod
sowieso nicht herum. Es ist nur Schade, dass es keine europäische
Ausgabe gibt.
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