"Lunar - The Silver Star" gilt bei Liebhabern japanischer Rollenspiele
nach wie vor als zeitloser Klassiker. Ursprünglich für das Sega
CD-System erschienen, erfreute es sich ebenfalls einer grandiosen Umsetzung
in englischer Sprache für die Playstation One. Da beide Fassungen
mittlerweile schwer aufzutreiben sind, ist es schön zu wissen, dass
ein weiteres Remake des Klassikers seinen Weg in den Westen gefunden hat.
Nach Amerika, um genau zu sein. Diese Umsetzung ist für den Game
Boy Advance erschienen und heißt "Lunar Legend". Wie auf
der Rückseite der Verpackung zu lesen ist, wurde diese Neuauflage
gänzlich überarbeitet und sogar noch erweitert, zum Beispiel
um ein recht überflüssiges Karten-Sammelspiel.
Dass man bei dieser Umsetzung auf die wunderschönen Anime-Sequenzen
der beiden CD-Vorlagen verzichten muss, sollte jedem wohl klar sein.
Nichtsdestotrotz präsentiert sich "Lunar Legend" für
seine Verhältnisse von Anfang an von seiner Schokoladenseite. Farbige
und detaillierte Grafiken sowie gut animierte Charaktere fallen sofort
positiv auf. Bei wichtigen Begegnungen werden sogar ansehnliche Anime-Bilder
eingeblendet, die der Erzählung mehr Nachdruck verleihen. Wegen
der netten, qualitativ jedoch schlechten Musikuntermalung kann man deshalb
schon mal ein Auge zudrücken. Die Handhabung ist simpel und sehr
eingängig. Jeder erfahrene Rollenspieler findet sich hier sofort
zurecht. Aus technischer Sicht gibt es demnach die Höchstnote.
Kommen wir jetzt zur Handlung. Die Geschichte dreht sich um den Jungen
Alex, dessen größter Wunsch es ist Drachenmeister zu werden.
Als er und seine Freunde für den jungen, überheblichen Zauberer
Nash, der ebenfalls eine Karriere als Drachenmeister anstrebt, als Führer
zum benachbarten Drachenschrein auserkoren werden, geraten sie in das
Abenteuer ihres Lebens. Denn nicht Nash sondern Alex wird vom dort lebenden
Drachen zum nächsten Drachenmeister nominiert. Aufgrund dieser
Wendung des Schicksals macht sich Alex mit seiner Freundin Luna, der
kleinen geflügelten Katze Nall sowie Nash in die große weite
Welt auf, um sich den Prüfungen der restlichen Drachen zu stellen.
Unterwegs kommt es, wie es in einer klassischen Erzählung dieser
Art kommen muss, zu einer unfreundlichen Konfrontation mit dem Bösen.
Daraufhin wird Luna entführt, denn ihr wunderschöner magischer
Gesang soll für finstere Pläne missbraucht werden. Lunas Rettungsaktion
dehnt sich allzu bald auf die gesamte Welt aus, die in einer furchtbaren
Gefahr schwebt. Im Laufe ihres Abenteuers kriegen unsere jungen Weltenretter
Hilfe durch die begabte Magierin Mia, die zornige Priesterin Jessica
sowie den angeberischen Banditenhäuptling Kyle. Auch wenn die Geschichte
nicht gerade Bäume ausreißt, ist sie vor allem durch die
gut ausgearbeiteten Charaktere sehr unterhaltsam und motivierend. Der
in Mia verliebte und überschlaue Nash oder die ständigen Streithähne
Jessica und Kyle vermögen mit ihrer Art oft ein Lächeln auf
dem Gesicht des Spielers hervorzuzaubern. In dieser Hinsicht ist das
Spiel also ebenfalls gelungen, zumal man von einem Remake keine neuen
Impulse erwarten darf.
Aber wo sehr viel Licht ist, da gibt es auch Schatten. Und bei "Lunar
Legend" fällt er auf das Kampfsystem und somit auf den eigentlichen
spielerischen Kern. An dem hier eingesetzten, wohlbekannten rundenbasierenden
Prinzip gibt es wenig auszusetzen. Die Charaktere können angreifen,
sich verteidigen, Magie wirken oder Spezialangriffe ausführen.
Es gibt sogar so genannte Limit Breaks, die erst bei einer voll aufgeladenen
Energieleiste eingesetzt werden und je nach Charakter massiven Schaden
verursachen oder der Gruppe einen Vorteil bescheren. Das alles ist schön
und gut, wirkt aber in Angesicht eines nicht vorhandenen Schwierigkeitsgrades
total überflüssig. Die Feinde, denen man alle paar Schritte
begegnet, sind so leicht, dass man sie in der Regel mittels der automatischen
Hau-Einfach-Drauf-Funktion besiegen kann. Bei dermaßen spannenden
Kämpfen ist das Einschlafrisiko ziemlich groß. Minimales
taktisches Vorgehen ist höchstens bei einigen der schön gezeichneten
Endgegnern notwendig. Dies entspricht definitiv nicht dem anspruchsvollen
Standard der Reihe, die normalerweise mit einem großen Kampffeld
aufwartet, auf dem die eigenen Charaktere mit bedacht bewegt werden
müssen. Auch wenn es aufgrund des kleinen Displays auf dem Game
Boy Advance in dieser Form nicht machbar war, hätte man mit der
richtigen Balance und anderen Modifikationen für ein ausgewogenes
Spielgefühl sorgen können. Somit wurde das Spiel zu einem
kinderfreundlichen Produkt degradiert.
Angesichts des sehr leichten Schwierigkeitsgrades habe ich oft mit
dem Gedanken gespielt "Lunar Legend" vorzeitig abzubrechen,
so sehr haben mich die Kämpfe gelangweilt. Nur die tollen Charaktere
hielten mich bei der Stange und retten das Spiel vor einem Totalabsturz,
denn eine schöne Grafik alleine reicht noch lange nicht aus. Obwohl
hier eindeutig das Potenzial für eines der besten Rollenspiele
für das System vorhanden ist, gibt es von mir nur sechs Punkte.
Blutige Anfänger werden mit dieser Umsetzung jedoch mit Sicherheit
glücklich.
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