Lunar Legend
RPG

Minrod
August 08
 

"Lunar - The Silver Star" gilt bei Liebhabern japanischer Rollenspiele nach wie vor als zeitloser Klassiker. Ursprünglich für das Sega CD-System erschienen, erfreute es sich ebenfalls einer grandiosen Umsetzung in englischer Sprache für die Playstation One. Da beide Fassungen mittlerweile schwer aufzutreiben sind, ist es schön zu wissen, dass ein weiteres Remake des Klassikers seinen Weg in den Westen gefunden hat. Nach Amerika, um genau zu sein. Diese Umsetzung ist für den Game Boy Advance erschienen und heißt "Lunar Legend". Wie auf der Rückseite der Verpackung zu lesen ist, wurde diese Neuauflage gänzlich überarbeitet und sogar noch erweitert, zum Beispiel um ein recht überflüssiges Karten-Sammelspiel.

Dass man bei dieser Umsetzung auf die wunderschönen Anime-Sequenzen der beiden CD-Vorlagen verzichten muss, sollte jedem wohl klar sein. Nichtsdestotrotz präsentiert sich "Lunar Legend" für seine Verhältnisse von Anfang an von seiner Schokoladenseite. Farbige und detaillierte Grafiken sowie gut animierte Charaktere fallen sofort positiv auf. Bei wichtigen Begegnungen werden sogar ansehnliche Anime-Bilder eingeblendet, die der Erzählung mehr Nachdruck verleihen. Wegen der netten, qualitativ jedoch schlechten Musikuntermalung kann man deshalb schon mal ein Auge zudrücken. Die Handhabung ist simpel und sehr eingängig. Jeder erfahrene Rollenspieler findet sich hier sofort zurecht. Aus technischer Sicht gibt es demnach die Höchstnote.

Kommen wir jetzt zur Handlung. Die Geschichte dreht sich um den Jungen Alex, dessen größter Wunsch es ist Drachenmeister zu werden. Als er und seine Freunde für den jungen, überheblichen Zauberer Nash, der ebenfalls eine Karriere als Drachenmeister anstrebt, als Führer zum benachbarten Drachenschrein auserkoren werden, geraten sie in das Abenteuer ihres Lebens. Denn nicht Nash sondern Alex wird vom dort lebenden Drachen zum nächsten Drachenmeister nominiert. Aufgrund dieser Wendung des Schicksals macht sich Alex mit seiner Freundin Luna, der kleinen geflügelten Katze Nall sowie Nash in die große weite Welt auf, um sich den Prüfungen der restlichen Drachen zu stellen. Unterwegs kommt es, wie es in einer klassischen Erzählung dieser Art kommen muss, zu einer unfreundlichen Konfrontation mit dem Bösen. Daraufhin wird Luna entführt, denn ihr wunderschöner magischer Gesang soll für finstere Pläne missbraucht werden. Lunas Rettungsaktion dehnt sich allzu bald auf die gesamte Welt aus, die in einer furchtbaren Gefahr schwebt. Im Laufe ihres Abenteuers kriegen unsere jungen Weltenretter Hilfe durch die begabte Magierin Mia, die zornige Priesterin Jessica sowie den angeberischen Banditenhäuptling Kyle. Auch wenn die Geschichte nicht gerade Bäume ausreißt, ist sie vor allem durch die gut ausgearbeiteten Charaktere sehr unterhaltsam und motivierend. Der in Mia verliebte und überschlaue Nash oder die ständigen Streithähne Jessica und Kyle vermögen mit ihrer Art oft ein Lächeln auf dem Gesicht des Spielers hervorzuzaubern. In dieser Hinsicht ist das Spiel also ebenfalls gelungen, zumal man von einem Remake keine neuen Impulse erwarten darf.

Aber wo sehr viel Licht ist, da gibt es auch Schatten. Und bei "Lunar Legend" fällt er auf das Kampfsystem und somit auf den eigentlichen spielerischen Kern. An dem hier eingesetzten, wohlbekannten rundenbasierenden Prinzip gibt es wenig auszusetzen. Die Charaktere können angreifen, sich verteidigen, Magie wirken oder Spezialangriffe ausführen. Es gibt sogar so genannte Limit Breaks, die erst bei einer voll aufgeladenen Energieleiste eingesetzt werden und je nach Charakter massiven Schaden verursachen oder der Gruppe einen Vorteil bescheren. Das alles ist schön und gut, wirkt aber in Angesicht eines nicht vorhandenen Schwierigkeitsgrades total überflüssig. Die Feinde, denen man alle paar Schritte begegnet, sind so leicht, dass man sie in der Regel mittels der automatischen Hau-Einfach-Drauf-Funktion besiegen kann. Bei dermaßen spannenden Kämpfen ist das Einschlafrisiko ziemlich groß. Minimales taktisches Vorgehen ist höchstens bei einigen der schön gezeichneten Endgegnern notwendig. Dies entspricht definitiv nicht dem anspruchsvollen Standard der Reihe, die normalerweise mit einem großen Kampffeld aufwartet, auf dem die eigenen Charaktere mit bedacht bewegt werden müssen. Auch wenn es aufgrund des kleinen Displays auf dem Game Boy Advance in dieser Form nicht machbar war, hätte man mit der richtigen Balance und anderen Modifikationen für ein ausgewogenes Spielgefühl sorgen können. Somit wurde das Spiel zu einem kinderfreundlichen Produkt degradiert.

Angesichts des sehr leichten Schwierigkeitsgrades habe ich oft mit dem Gedanken gespielt "Lunar Legend" vorzeitig abzubrechen, so sehr haben mich die Kämpfe gelangweilt. Nur die tollen Charaktere hielten mich bei der Stange und retten das Spiel vor einem Totalabsturz, denn eine schöne Grafik alleine reicht noch lange nicht aus. Obwohl hier eindeutig das Potenzial für eines der besten Rollenspiele für das System vorhanden ist, gibt es von mir nur sechs Punkte. Blutige Anfänger werden mit dieser Umsetzung jedoch mit Sicherheit glücklich.