R-Type Tactics / R-Type Command
Strategie


Minrod
Januar 10

 


Seit der ersten Publikation steht der Name "R-Type" unerschütterlich für feinste Ballerspielkost, die jedem Shoot´em up-Fan auf der ganzen Welt ein Begriff ist. Die Vorstellung, "R-Type" mit einem anderen Genre assoziieren zu müssen, mag daher befremdlich oder gar unwirklich erscheinen. Seit 2007 ist dies aber Realität, denn mit "R-Type Tactics" für die PSP hat Irem ihrer wohl bis dato traditionellsten Reihe ein neues Gewand verpasst. Statt mit glühendem Daumen und feuchter Stirn mit einem R-9 Arrowhead durch Weltraumtrümmer zu flitzen, dürfen jetzt in aller Seelenruhe Raumschiffchen auf einem Spielplan hin und her geschoben werden. Ein Alptraum für jeden beinharten Shoot´em up-Fan, der mit der neusten Adaption der wohl bekanntesten Shooter-Reihe sicherlich nur wenig anzufangen wissen wird. Ein Vergleich mit vorangegangen R-Type-Spielen ist somit in jeder Hinsicht strafbar, da man im wahrsten Sinne des Wortes Äpfel mit Birnen vergleichen würde. Als waschechter Vertreter rundenbasierter Strategie muss sich "R-Type Tactics" bzw. "R-Type Command", wie die amerikanische Lokalisierung heißt, mit gleichgesinnter Konkurrenz messen lassen.

Storytechnisch hält der Taktik-Ableger aber der Reihe die Treue, da man auch hier wie in allen bisherigen R-Type-Spielen gegen das böse Bydo Empire in den Sternenkrieg zieht. Als ein unbedeutender Kommandant einer zunächst noch relativ kleinen Sondereinheit führt man einen Auftrag nach dem anderen aus, bis man sich aufgrund erstaunlich guter Erfolge plötzlich auf einer Offensivmission in Richtung des Bydo-Heimatplaneten befindet. Die Geschichte ist wie in den Shoot´em up´s eher zweckmäßig und plätschert mit lieblos gestalteten kurzen Textpassagen zwischen den einzelnen Missionen nur so vor sich hin. In Anbetracht der vorhandenen taktischen Spieltiefe ist dies jedoch nur von geringer Bedeutung.

Das Spielprinzip von "R-Type Tactics" dürfte wohl jedem Hobby-Strategen bestens bekannt sein. Runde für Runde bewegt man die Einheiten seiner Flotte um eine von Gewicht und Terrain abhängige Anzahl an Spielfeldern und greift die sichtbaren und sich in Reichweite aufhaltenden Feinde an. Der in unzähligen vorausgegangenen Strategiespielen eingeführte "Fog of War" findet hier ebenfalls Verwendung und lässt die Radarstärke der einzelnen Streitkräfte in die taktischen Überlegungen mit einfließen. Die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten der verfügbaren Einheiten räumen dem Spieler jedoch den größten taktischen Feiraum ein. Sie sind in drei Hauptgruppen aufgeteilt, die jeweils auf spezialisierte Piloten angewiesen sind. Somit ist die Größe der Flotte von der Anzahl der einsatzfähigen Piloten abhängig, die im Menüpunkt "Kader" den vorhandenen Raumschiffen zugeteilt werden. Die erste Gruppe der verfügbaren Einheiten stellen riesige Weltraumkreuzer dar, die kleinere Einheiten aufnehmen und reparieren können und je nach Modell eine Vielzahl von starken Waffen mit sich führen. Eines dieser Schiffe wird bei jeder Mission als Flagschiff deklariert und darf auf keinen Fall im Einsatz zerstört werden, da man ansonsten sofort verliert. Die Jäger, Bomber, Aufklärungs-, Tank- sowie Reparatur- und Bergungsschiffe gehören allesamt der zweiten Gruppe an, die genau genommen den Kern der Flotte bildet. In der dritten Gruppe findet man dagegen die für die Spielreihe charakteristischen Force-Einheiten. Sie sind diesmal nicht unzerstörbar, verfügen aber über extrem mächtige Rammangriffe. Alternativ können sie an kompatible Jäger angedockt werden, um sie mit zusätzlicher und vor allem stärkerer Bewaffnung auszustatten. Die taktischen Möglichkeiten, die dieser kosmische Fuhrpark bietet, sind wirklich vielseitig. Durchschlagsstarke Beamschüsse, Kontermöglichkeiten, begrenzte Munitions- und Treibstoffvorräte, diverse Hindernisse sowie aggressive Gegner erhöhen noch das Potenzial und machen "R-Type Tactics" zu einem wahrlich anspruchsvollen und strategischen Vergnügen. Dabei bleibt das Spiel immer übersichtlich und erschlägt keinen mit einer Flut an Menüs und diversen Konfigurationsmöglichkeiten, wie es bei modernen Strategiespielen häufig der Fall ist.

Trotz aller positiven Aspekte weist das Spiel aber auch einige Mängel auf. Zum einen ist davon die Rohstoffversorgung betroffen. Die in drei Kategorien auftretenden Rohstoffe werden für den Bau neuentwickelter Kampfschiffe benötigt und müssen während der einzelnen Missionen an diversen Asteroiden oder anderen Schürfplätzen durch die Bergungseinheiten ausgegraben werden. Das Problem dabei stellen die unzulänglich und sehr spärlich verteilten Schürfmöglichkeiten dar, die den Spieler zwingen, manch einen Einsatz zu wiederholen. Alle abgeschlossenen Missionen können nämlich jederzeit neu ausgefochten werden, was man aber aufgrund des hohen Zeitaufwands normalerweise nicht machen würde. Doch die mangelnde Rohstoffversorgung während der regulären Einsätze zwingt einen dazu. Dies kann schon zuweilen etwas am Geduldsfaden zerren. Ein weiteres, jedoch weitaus weniger schlimmes Manko ergibt sich durch das so gut wie immer gleiche Missionsziel: Vernichte das feindliche Flagschiff. Da dies jedoch in der Natur der Reihe liegt und die feindlichen Flagschiffe oft den dicken und fordernden Endgegnern aus den Ballerspielen entsprechen, kann man darüber großzügig hinwegsehen. Bei allen anderen Strategiespielen verhält es sich nicht allzu anders. Dort wird dieser Umstand meistens durch eine umfangreiche Erzählung kaschiert, aber letztendlich muss ebenfalls Ziel A, B oder C vernichtet werden. Als letzter negativer Punkt auf meiner Liste ist noch die lieblose deutsche Lokalisierung aufgeführt. Während man sich an "Macht" für die Force noch gewöhnen kann, schießen Begriffe wie "Fettraketen" definitiv den Vogel ab.

Technisch gibt es an "R-Type Tactics" nicht viel auszusetzen. Die starren Weltraumkarten mit den Piktogrammen entsprechen natürlich nicht ganz der Leistung einer PSP, sind allerdings genrebezogen nicht unüblich und recht hübsch. Am schönsten anzusehen sind aber die recht aufwendigen Kampfanimationen, die jeden Angriff in schicker 3D-Grafik begleiten. Sie sind jedoch mit einigen Ladezeiten verbunden und ziehen das so schon sehr zeitintensive Spielgeschehen noch zusätzlich in die Länge. Da sie sich jederzeit aus- und wieder einschalten lassen, will ich dies nicht negativ werten. Die schwerlastende und bedrohliche Atmosphäre wird neben den grafisch oft an die Shooter-Spiele angelehnten Missionen primär durch den Soundtrack getragen, der für sich genommen etwas blass klingt, das taktische Geschehen des Spieles jedoch gut unterstützt.

Mit insgesamt 58 Missionen, die in zwei Kampagnen aufgeteilt sind, bietet das Spiel eine enorm langfristige strategische Unterhaltung. Man kann sich mit ihm wirklich Wochen oder gar Monate beschäftigen, richtig langweilig wird es nie. Natürlich vorausgesetzt, man hat noch etwas für ein derartiges, mittlerweile aus der Mode gekommenes Spielprinzip übrig. Da heutzutage alle mit Echtzeit-Strategie verwöhnt sind, wird sich hierzulande wahrscheinlich keine allzu große Fan-Gemeinde um "R-Type Tactics" scharren. Aus meiner Sicht ist es ein tolles Spielerlebnis, das mit der Möglichkeit, die Bydo-Einheiten in der zweiten Kampagne befehligen zu dürfen, noch zusätzlich lockt. Dies gab es bislang in der gesamten R-Type-Geschichte noch nicht. Auch wenn das Spiel noch verbesserungswürdig ist, sind aus meiner Sicht acht Punkte drin, da die positiven Aspekte die negativen weitaus überragen. Ein Versus-Modus, um sich mit anderen Spielern messen zu können, sowie freispielbare Hintergrundbilder runden den positiven Gesamteindruck zusätzlich ab. Ob der bereits in Japan erhältliche Nachfolger "Operation Bitter Chocolate" besser ist, werden wir bei uns wahrscheinlich nie erfahren, da die europäischen Verkaufszahlen für PSP-Software leider nach wie vor im Keller liegen.