Thunder Force 5 - Perfect System
Shoot´em up

Lyrion
Juli 09
 

"Thunder Force 5" stand sehr lange auf meiner Wunschliste, hegte ich doch insgeheim die Hoffnung, dass es sogar etwas besser als "R-Type Delta" sein könnte. Im Jahr 1997 für den Sega Saturn und nur in Japan erschienen, wurde das Spiel ein Jahr später für die allseits beliebte Playstation mit dem zusätzlichen Untertitel "Perfect System" konvertiert. Aber auch da hatten die europäischen Spieler das Nachsehen, denn unverständlicherweise wurde das Spiel in Europa nicht herausgebracht. Die Amerikaner durften sich dagegen freuen, da Working Designs das Spiel in den Staaten veröffentlichte. Nachdem ich nun nach vielen Umwegen endlich die US-Playstation-Version ausgiebig spielen durfte, habe ich mich entschieden "Thunder Force 5" von meiner Liste zu streichen, bin ich doch zu der definitiven Erkenntnis gelangt, dass meine Sammlung nicht unbedingt um dieses Spiel bereichert werden muss. Meiner Ansicht nach ist es spielerisch, aber vor allem technisch "R-Type Delta" unterlegen.

Das nett gemachte Intro und den beeindruckenden Titelbildschirm übersprungen, findet man sich sogleich in einem Auswahlbildschirm wieder, in dem die Reihenfolge der ersten drei Levels (No Blue, Wood und Human Road) beliebig festgelegt wird, ähnlich wie schon beim direkten Vorgänger auf dem Sega Mega Drive, bei dem man sich die gewünschte Flugroute allerdings aus den ersten vier Levels zusammensetzen muss. "Thunder Force 4" ist mit zehn Levels auch etwas umfangreicher als dieser fünfte Teil, der nur sieben Levels vorzuweisen hat, wovon der letzte auch bloß den finalen Bosskampf umfasst. Und wenn ich ganz ehrlich bin, so muss ich direkt gestehen, dass mir die Levels von "Thunder Force 5" vom Design her nicht besonders gefallen. Sie sind zum größten Teil relativ geradlinig aufgebaut und lassen zudem eine gewisse spielerische Raffinesse vermissen. Der No Blue-Level zum Beispiel wirkt ziemlich einfallslos, wenn nicht sogar etwas öde. Die ganze Zeit rauscht man mit seinem Gleiter geradewegs über oder unter der Meeresoberfläche dahin, ballert auf alle beweglichen Objekte und steht schon alsbald dem Boss Deep Purple gegenüber. Das aus relativ groben Polygonen zusammengezimmerte und einem Falter nachempfundene Kampfschiff ist auch nicht unbedingt das, was man normalerweise unter einem echten Augenschmaus verstehen würde. Das gesamte Zusammenspiel zwischen den Polygonen, den pixeligen Texturen und den gewohnten 2D-Grafiken wirkte auf mich direkt beim ersten Anspielen irgendwie unfertig, so als ob dem Spiel der allerletzte Feinschliff fehlen würde, was bei dem Level Human Road besonders deutlich zur Geltung kommt. Bei genauer Betrachtung ergibt das gesamte Spiel kein wirklich homogenes Gesamtbild. Aber wirklich stark kritisieren kann und möchte ich diese Gegebenheit wiederum auch nicht, denn erstens ist dies nur mein persönliches Empfinden und zweitens bin ich mir bewusst, dass "Thunder Force 5" doch schon unheimlich viel aus der Playstation herauskitzelt. Eine viel bessere auf Polygonen basierende 3D-Grafik lässt sich mit den Fähigkeiten der ersten Playstation nur mit sehr viel Aufwand realisieren. Daher müsste man eigentlich dem Pioniergeist von Technosoft Anerkennung zollen, denn mit diesem Spiel hat diese kultige Software-Schmiede schon damals einen großen Schritt in die Zukunft getan. Und vielleicht wurde das Saturn-Original von "Thunder Force 5" gerade deshalb nur in Japan vermarktet, weil man schon ahnte, dass man anderswo auf der Weltkugel das Spiel kaum zu schätzen wissen würde. Ich finde es aber nach wie vor wirklich schade, dass "Thunder Force 5" bei uns nicht erschienen ist. Alle, die das Spiel dennoch in ihrer Vitrine stehen haben möchten, müssen es sich schon für viel Geld als Import zulegen.

Eine Anschaffung dieses Spieles lohnt auf jeden Fall, denn "Thunder Force 5" wird von einer sauber programmierten und flüssigen Spielbarkeit dominiert, die über der etwas gewöhnungsbedürftigen Optik steht, welche hier und da doch einige echte Hingucker wie zum Beispiel den riesigen Mech-Insekten-Boss namens Iron Maiden zu bieten hat, und dem geneigten Shooter-Herz ein sehr gutes Ballervergnügen bereiten wird. Das Thunder Force-Kampfschiff RVR-01 Gauntlet (die Abkürzung RVR steht dabei für Refined Vasteel Replica) kann, wie schon der Fire Leo 4 Rynex vom Vorgängerspiel, fünf Waffensysteme gleichzeitig mit sich führen, zwischen denen jederzeit hin und her gewechselt werden kann. Anfangs stehen einem bloß die beiden Standardwaffensysteme Twin Shot und Back Shot zur Verfügung, durch das Aufsammeln von Power up´s können sie aber während des Gefechts noch um Wave, Free Range und Hunter ergänzt werden. Hunter, ein dreifaches Zielsuchgeschoss, dürfte wohl jedem Spieler aus "Thunder Force 4" bekannt sein, während Wave in einer etwas anderen Form bereits im dritten Teil zum Einsatz kam. Hier entfaltet Wave einen durchgehenden und relativ breiten, aber in der Wirkung doch recht schwachen Laserstrahl. Mit Free Range hat man das einzige wirklich neue und in der Handhabung ein wenig gewöhnungsbedürftige Waffensystem an Bord, dem aber eine gewisse Ähnlichkeit zu Free Way aus "Thunder Force 4" nicht ganz abgesprochen werden kann. Diese Waffe feuert bei gedrücktem Button vollkommen selbständig und zielsicher kontinuierliche Laserstrahlen auf alles, was sich in einem konischen, durch grüne Linien dargestellten und um das gesamte Schiff rotierbaren Bereich befindet, was sie wohl zur stärksten und für den Spieler bequemsten Bewaffnung des RVR-01 Gauntlet macht. Aber auch die anderen Waffensysteme haben ihre Stärken, vor allem in Verbindung mit den drei Schutzsatelliten (beim Vorgänger waren es noch zwei), welche nun Craws heißen und eine Weiterentwicklung der Claws sind. Neben der Fähigkeit, feindliche Geschosse bei Kontakt negieren zu können, werden die Craws für den Einsatz der Over Weapon benötigt. Diese starke Spezialoffensive fällt bei jedem Waffensystem unterschiedlich aus, da es durch den Verbrauch der Craw-Energie eigentlich nur in seiner Wirkung verstärkt wird. So wird zum Beispiel aus Blade ein dicker, nach vorne gerichteter Laserstrahl, der dann solange aufrechterhalten werden kann, bis alle Energie aus den Craws verbraucht ist. Die energielosen Craws werden rötlich dargestellt und können in diesem Zustand beim nächsten Schuss, den sie normalerweise absorbieren würden, sogar gänzlich zerstört werden. Mit der Zeit regenerieren sie sich aber selbstständig und stehen der Over Weapon wieder zur Verfügung. Zudem definieren sie durch ihre Anzahl auch noch den Level der Waffen, welcher logischerweise einen Wert zwischen null und drei haben kann. Die Fadenkreuze, mit denen die Zielflächen der Gegner permanent dargestellt werden, bilden ein weiteres neues Feature des Spieles. Mit ihnen lässt sich sofort erkennen, welche Gegner bereits angreifbar und welche noch im Hintergrund und außer Reichweite sind. Diese Idee ist zwar ganz nett, aber nicht wirklich notwendig, denn an manchen Stellen kann man vor lauter Fadenkreuzen schon den Blick fürs Wesentliche verlieren.

Interessant bei diesem Spiel ist auch der Wechsel des Thunder Force-Kampfschiffes nach dem vierten Level. In einer kleinen Zwischensequenz wird da der RVR-01 Gauntlet zu RVR-02 Brigandine aufgerüstet. Brigandine stehen dann nur die beiden neuen Waffen Blade und Rail Gun (die man aus "Thunder Force 4" bereits kennt) zur Verfügung, dafür aber im dauerhaften Over Weapon-Modus. Außerdem ist dieses Schiff mit einem relativ starken Schild ausgerüstet, der viele Treffer verkraften kann. Der Nachteil dabei: das Schiff ist ziemlich groß und bietet somit viel Angriffsfläche. Dadurch wird der Schild irgendwann zwangsläufig zerstört, aber nur damit aus RVR-02 Brigandine der neue RVR-02 Vambrace hervorkommt. Der sehr mächtige Vambrace, der als eine Mischung aus Rynex und Gauntlet angesehen werden kann (die Waffen Blade und Rail Gun sehen beim Vambrace nämlich genauso aus wie beim Rynex in "Thunder Force 4"), begleitet den Spieler dann bis zum bitteren Ende, bei dem man sich dem Supercomputer Guardian bzw. Cha Os (alias Orn Emperor) zum finalen Kampf stellen muss. Um die Parallelen zu Rynex und Cha Os verstehen zu können, muss man sich mit der recht komplexen Story von "Thunder Force 5" vertraut machen, welche an die Geschehnisse aus Teil 4 anknüpft, auch wenn sie nun in einer weit entfernten Zukunft spielt, in der das Galaktische Bündnis und das Orn Empire schon längst im Strudel der Vergessenheit verschwunden sind.

Das Übel nimmt seinen Lauf, als im Jahr 2106 der jenseits von Pluto um das Sonnensystem kreisende Forschungssatellit der vereinigten Erdnationen E.S.S.A. Sekika ein altes Raumschiff unbekannter Herkunft auffindet (Dabei handelt es sich um den Fire Leo 4 Rynex aus "Thunder Force 4", was der Menschheit der Zukunft allerdings vollkommen unbekannt ist. Am Ende von "Thunder Force 4" wird gezeigt, wie nach dem finalen Kampf gegen die Vios-Streitkräfte das siegreiche Raumschiff vergebens zwischen lauter Explosionen das Weite sucht. Die Überreste von Rynex überdauern dann im All herumschwebend bis zu diesem Zeitpunkt.). Das geborgene Schiff wird zur Erde gebracht, wo man es gründlichst studiert. Dabei stellt sich heraus, dass die Technologie des aufgelesenen Raumschiffes sehr viel weiter entwickelt ist als die der Erde. Da diese weit fortgeschrittene Technik der Wissenschaft gänzlich unbekannt ist, wird sie einer unbekannten Rasse, den so genannten Vastians, zugeordnet. Das gefundene Schiff wird dementsprechend auf den Namen Vastian´s Steel getauft, abgekürzt Vasteel (dies ist sozusagen der neue oder der zweite Name von Rynex). Im Jahr 2139 wird zwecks Erforschung der geheimnisvollen Vastian-Technologie mitten im Pazifischen Ozean die große unbemannte Forschungsinsel Babel errichtet, welche von einer künstlichen Intelligenz, dem Supercomputer Guardian kontrolliert wird. Mit Guardian schafft man es letztendlich die fremde Technologie zu entschlüsseln und sie für die Menschheit nutzbar zu machen, und schon bald darauf erhält der Supercomputer den Auftrag eine große Flotte riesiger Kampfschiffe, die später unter dem Namen Sword Fleet bekannt wird, zu bauen. Als Hauptschiff wird ein riesiges Flagschiff namens Judgement Sword angefertigt. Der zivilen Bevölkerung wird dagegen erzählt, dass es sich dabei um große Emigrationsschiffe für die Kolonialisierung neuer Planeten handelt. Irgendwann geschieht aber etwas Unvorhersehbares. Aus unerklärlichen Gründen wird das Sicherheitsprogramm, das Guardians künstliche Intelligenz unter die Kontrolle der Menschen stellt, gelöscht. Guardian entwickelt daraufhin ein eigenes Selbstbewusstsein und erklärt im Jahr 2150 der Menschheit den Krieg (In Wirklichkeit wurde Guardian von Cha Os, der künstlichen Intelligenz hinter dem Orn Empire, übernommen, welcher in den Überresten von Rynex ebenfalls die lange Zeitperiode ausharrte und auf eine neue Chance wartete sich erneut erheben zu können. Als Guardian anfing die Datenbank von Vasteel (Rynex) zu analysieren, nutzte Cha Os die Gelegenheit das Orn Empire mit Hilfe der Vastian-Technologie wieder neu zu errichten.) Die Waffen, welche die Menschheit für ihren eigenen Schutz entwickelte, werden nun gegen sie selbst gerichtet. Als die regulären Streitkräfte der Erde von Guardian vernichtend geschlagen werden, ruht die letzte Hoffnung auf den Schultern der Spezialeinheit Thunder Force 222 mit ihren noch vor Guardians Amoklauf auf der Basis der Vastian-Technologie entwickelten Kampfschiffen der Serie RVR-01 Gauntlet. In der Rolle der hochbegabten Pilotin Cenes Crawford muss der Spieler nun Babel und Guardian zerstören.

Wie man sehen kann, bietet "Thunder Force 5" eine wirklich sehr interessante Story, die im Detail noch viel komplexer ist. Im Optionspunkt Digital Viewer werden diese und noch viele weitere nette Infos in Bild und Schrift festgehalten, die man sich im Laufe der Zeit nach und nach erspielen kann. Der Time Attack-Modus, bei dem man auf Zeit gegen alle Bossgegner antreten kann, komplettiert das sehr schöne Spiel, das trotz der etwas schwachen grafischen Präsentation, welche allerdings durch den sehr guten Sound ausgeglichen wird, noch neun Punkte von mir verliehen bekommt. Das etwas enttäuschende Leveldesign kann aber durch nichts ausgebügelt werden, daher bleibt die Höchstwertung diesem Shooter verwehrt.