"Thunder Force 5" stand sehr lange auf meiner Wunschliste, hegte
ich doch insgeheim die Hoffnung, dass es sogar etwas besser als "R-Type
Delta" sein könnte. Im Jahr 1997 für den Sega Saturn und
nur in Japan erschienen, wurde das Spiel ein Jahr später für
die allseits beliebte Playstation mit dem zusätzlichen Untertitel
"Perfect System" konvertiert. Aber auch da hatten die europäischen
Spieler das Nachsehen, denn unverständlicherweise wurde das Spiel
in Europa nicht herausgebracht. Die Amerikaner durften sich dagegen freuen,
da Working Designs das Spiel in den Staaten veröffentlichte. Nachdem
ich nun nach vielen Umwegen endlich die US-Playstation-Version ausgiebig
spielen durfte, habe ich mich entschieden "Thunder Force 5"
von meiner Liste zu streichen, bin ich doch zu der definitiven Erkenntnis
gelangt, dass meine Sammlung nicht unbedingt um dieses Spiel bereichert
werden muss. Meiner Ansicht nach ist es spielerisch, aber vor allem technisch
"R-Type Delta" unterlegen.
Das nett gemachte Intro und den beeindruckenden Titelbildschirm übersprungen,
findet man sich sogleich in einem Auswahlbildschirm wieder, in dem die
Reihenfolge der ersten drei Levels (No Blue, Wood und Human Road) beliebig
festgelegt wird, ähnlich wie schon beim direkten Vorgänger
auf dem Sega Mega Drive, bei dem man sich die gewünschte Flugroute
allerdings aus den ersten vier Levels zusammensetzen muss. "Thunder
Force 4" ist mit zehn Levels auch etwas umfangreicher als dieser
fünfte Teil, der nur sieben Levels vorzuweisen hat, wovon der letzte
auch bloß den finalen Bosskampf umfasst. Und wenn ich ganz ehrlich
bin, so muss ich direkt gestehen, dass mir die Levels von "Thunder
Force 5" vom Design her nicht besonders gefallen. Sie sind zum
größten Teil relativ geradlinig aufgebaut und lassen zudem
eine gewisse spielerische Raffinesse vermissen. Der No Blue-Level zum
Beispiel wirkt ziemlich einfallslos, wenn nicht sogar etwas öde.
Die ganze Zeit rauscht man mit seinem Gleiter geradewegs über oder
unter der Meeresoberfläche dahin, ballert auf alle beweglichen
Objekte und steht schon alsbald dem Boss Deep Purple gegenüber.
Das aus relativ groben Polygonen zusammengezimmerte und einem Falter
nachempfundene Kampfschiff ist auch nicht unbedingt das, was man normalerweise
unter einem echten Augenschmaus verstehen würde. Das gesamte Zusammenspiel
zwischen den Polygonen, den pixeligen Texturen und den gewohnten 2D-Grafiken
wirkte auf mich direkt beim ersten Anspielen irgendwie unfertig, so
als ob dem Spiel der allerletzte Feinschliff fehlen würde, was
bei dem Level Human Road besonders deutlich zur Geltung kommt. Bei genauer
Betrachtung ergibt das gesamte Spiel kein wirklich homogenes Gesamtbild.
Aber wirklich stark kritisieren kann und möchte ich diese Gegebenheit
wiederum auch nicht, denn erstens ist dies nur mein persönliches
Empfinden und zweitens bin ich mir bewusst, dass "Thunder Force
5" doch schon unheimlich viel aus der Playstation herauskitzelt.
Eine viel bessere auf Polygonen basierende 3D-Grafik lässt sich
mit den Fähigkeiten der ersten Playstation nur mit sehr viel Aufwand
realisieren. Daher müsste man eigentlich dem Pioniergeist von Technosoft
Anerkennung zollen, denn mit diesem Spiel hat diese kultige Software-Schmiede
schon damals einen großen Schritt in die Zukunft getan. Und vielleicht
wurde das Saturn-Original von "Thunder Force 5" gerade deshalb
nur in Japan vermarktet, weil man schon ahnte, dass man anderswo auf
der Weltkugel das Spiel kaum zu schätzen wissen würde. Ich
finde es aber nach wie vor wirklich schade, dass "Thunder Force
5" bei uns nicht erschienen ist. Alle, die das Spiel dennoch in
ihrer Vitrine stehen haben möchten, müssen es sich schon für
viel Geld als Import zulegen.
Eine Anschaffung dieses Spieles lohnt auf jeden Fall, denn "Thunder
Force 5" wird von einer sauber programmierten und flüssigen
Spielbarkeit dominiert, die über der etwas gewöhnungsbedürftigen
Optik steht, welche hier und da doch einige echte Hingucker wie zum
Beispiel den riesigen Mech-Insekten-Boss namens Iron Maiden zu bieten
hat, und dem geneigten Shooter-Herz ein sehr gutes Ballervergnügen
bereiten wird. Das Thunder Force-Kampfschiff RVR-01 Gauntlet (die Abkürzung
RVR steht dabei für Refined Vasteel Replica) kann, wie schon der
Fire Leo 4 Rynex vom Vorgängerspiel, fünf Waffensysteme gleichzeitig
mit sich führen, zwischen denen jederzeit hin und her gewechselt
werden kann. Anfangs stehen einem bloß die beiden Standardwaffensysteme
Twin Shot und Back Shot zur Verfügung, durch das Aufsammeln von
Power up´s können sie aber während des Gefechts noch
um Wave, Free Range und Hunter ergänzt werden. Hunter, ein dreifaches
Zielsuchgeschoss, dürfte wohl jedem Spieler aus "Thunder Force
4" bekannt sein, während Wave in einer etwas anderen Form
bereits im dritten Teil zum Einsatz kam. Hier entfaltet Wave einen durchgehenden
und relativ breiten, aber in der Wirkung doch recht schwachen Laserstrahl.
Mit Free Range hat man das einzige wirklich neue und in der Handhabung
ein wenig gewöhnungsbedürftige Waffensystem an Bord, dem aber
eine gewisse Ähnlichkeit zu Free Way aus "Thunder Force 4"
nicht ganz abgesprochen werden kann. Diese Waffe feuert bei gedrücktem
Button vollkommen selbständig und zielsicher kontinuierliche Laserstrahlen
auf alles, was sich in einem konischen, durch grüne Linien dargestellten
und um das gesamte Schiff rotierbaren Bereich befindet, was sie wohl
zur stärksten und für den Spieler bequemsten Bewaffnung des
RVR-01 Gauntlet macht. Aber auch die anderen Waffensysteme haben ihre
Stärken, vor allem in Verbindung mit den drei Schutzsatelliten
(beim Vorgänger waren es noch zwei), welche nun Craws heißen
und eine Weiterentwicklung der Claws sind. Neben der Fähigkeit,
feindliche Geschosse bei Kontakt negieren zu können, werden die
Craws für den Einsatz der Over Weapon benötigt. Diese starke
Spezialoffensive fällt bei jedem Waffensystem unterschiedlich aus,
da es durch den Verbrauch der Craw-Energie eigentlich nur in seiner
Wirkung verstärkt wird. So wird zum Beispiel aus Blade ein dicker,
nach vorne gerichteter Laserstrahl, der dann solange aufrechterhalten
werden kann, bis alle Energie aus den Craws verbraucht ist. Die energielosen
Craws werden rötlich dargestellt und können in diesem Zustand
beim nächsten Schuss, den sie normalerweise absorbieren würden,
sogar gänzlich zerstört werden. Mit der Zeit regenerieren
sie sich aber selbstständig und stehen der Over Weapon wieder zur
Verfügung. Zudem definieren sie durch ihre Anzahl auch noch den
Level der Waffen, welcher logischerweise einen Wert zwischen null und
drei haben kann. Die Fadenkreuze, mit denen die Zielflächen der
Gegner permanent dargestellt werden, bilden ein weiteres neues Feature
des Spieles. Mit ihnen lässt sich sofort erkennen, welche Gegner
bereits angreifbar und welche noch im Hintergrund und außer Reichweite
sind. Diese Idee ist zwar ganz nett, aber nicht wirklich notwendig,
denn an manchen Stellen kann man vor lauter Fadenkreuzen schon den Blick
fürs Wesentliche verlieren.
Interessant bei diesem Spiel ist auch der Wechsel des Thunder Force-Kampfschiffes
nach dem vierten Level. In einer kleinen Zwischensequenz wird da der
RVR-01 Gauntlet zu RVR-02 Brigandine aufgerüstet. Brigandine stehen
dann nur die beiden neuen Waffen Blade und Rail Gun (die man aus "Thunder
Force 4" bereits kennt) zur Verfügung, dafür aber im
dauerhaften Over Weapon-Modus. Außerdem ist dieses Schiff mit
einem relativ starken Schild ausgerüstet, der viele Treffer verkraften
kann. Der Nachteil dabei: das Schiff ist ziemlich groß und bietet
somit viel Angriffsfläche. Dadurch wird der Schild irgendwann zwangsläufig
zerstört, aber nur damit aus RVR-02 Brigandine der neue RVR-02
Vambrace hervorkommt. Der sehr mächtige Vambrace, der als eine
Mischung aus Rynex und Gauntlet angesehen werden kann (die Waffen Blade
und Rail Gun sehen beim Vambrace nämlich genauso aus wie beim Rynex
in "Thunder Force 4"), begleitet den Spieler dann bis zum
bitteren Ende, bei dem man sich dem Supercomputer Guardian bzw. Cha
Os (alias Orn Emperor) zum finalen Kampf stellen muss. Um die Parallelen
zu Rynex und Cha Os verstehen zu können, muss man sich mit der
recht komplexen Story von "Thunder Force 5" vertraut machen,
welche an die Geschehnisse aus Teil 4 anknüpft, auch wenn sie nun
in einer weit entfernten Zukunft spielt, in der das Galaktische Bündnis
und das Orn Empire schon längst im Strudel der Vergessenheit verschwunden
sind.
Das Übel nimmt seinen Lauf, als im Jahr 2106 der jenseits von
Pluto um das Sonnensystem kreisende Forschungssatellit der vereinigten
Erdnationen E.S.S.A. Sekika ein altes Raumschiff unbekannter Herkunft
auffindet (Dabei handelt es sich um den Fire Leo 4 Rynex aus "Thunder
Force 4", was der Menschheit der Zukunft allerdings vollkommen
unbekannt ist. Am Ende von "Thunder Force 4" wird gezeigt,
wie nach dem finalen Kampf gegen die Vios-Streitkräfte das siegreiche
Raumschiff vergebens zwischen lauter Explosionen das Weite sucht. Die
Überreste von Rynex überdauern dann im All herumschwebend
bis zu diesem Zeitpunkt.). Das geborgene Schiff wird zur Erde gebracht,
wo man es gründlichst studiert. Dabei stellt sich heraus, dass
die Technologie des aufgelesenen Raumschiffes sehr viel weiter entwickelt
ist als die der Erde. Da diese weit fortgeschrittene Technik der Wissenschaft
gänzlich unbekannt ist, wird sie einer unbekannten Rasse, den so
genannten Vastians, zugeordnet. Das gefundene Schiff wird dementsprechend
auf den Namen Vastian´s Steel getauft, abgekürzt Vasteel
(dies ist sozusagen der neue oder der zweite Name von Rynex). Im Jahr
2139 wird zwecks Erforschung der geheimnisvollen Vastian-Technologie
mitten im Pazifischen Ozean die große unbemannte Forschungsinsel
Babel errichtet, welche von einer künstlichen Intelligenz, dem
Supercomputer Guardian kontrolliert wird. Mit Guardian schafft man es
letztendlich die fremde Technologie zu entschlüsseln und sie für
die Menschheit nutzbar zu machen, und schon bald darauf erhält
der Supercomputer den Auftrag eine große Flotte riesiger Kampfschiffe,
die später unter dem Namen Sword Fleet bekannt wird, zu bauen.
Als Hauptschiff wird ein riesiges Flagschiff namens Judgement Sword
angefertigt. Der zivilen Bevölkerung wird dagegen erzählt,
dass es sich dabei um große Emigrationsschiffe für die Kolonialisierung
neuer Planeten handelt. Irgendwann geschieht aber etwas Unvorhersehbares.
Aus unerklärlichen Gründen wird das Sicherheitsprogramm, das
Guardians künstliche Intelligenz unter die Kontrolle der Menschen
stellt, gelöscht. Guardian entwickelt daraufhin ein eigenes Selbstbewusstsein
und erklärt im Jahr 2150 der Menschheit den Krieg (In Wirklichkeit
wurde Guardian von Cha Os, der künstlichen Intelligenz hinter dem
Orn Empire, übernommen, welcher in den Überresten von Rynex
ebenfalls die lange Zeitperiode ausharrte und auf eine neue Chance wartete
sich erneut erheben zu können. Als Guardian anfing die Datenbank
von Vasteel (Rynex) zu analysieren, nutzte Cha Os die Gelegenheit das
Orn Empire mit Hilfe der Vastian-Technologie wieder neu zu errichten.)
Die Waffen, welche die Menschheit für ihren eigenen Schutz entwickelte,
werden nun gegen sie selbst gerichtet. Als die regulären Streitkräfte
der Erde von Guardian vernichtend geschlagen werden, ruht die letzte
Hoffnung auf den Schultern der Spezialeinheit Thunder Force 222 mit
ihren noch vor Guardians Amoklauf auf der Basis der Vastian-Technologie
entwickelten Kampfschiffen der Serie RVR-01 Gauntlet. In der Rolle der
hochbegabten Pilotin Cenes Crawford muss der Spieler nun Babel und Guardian
zerstören.
Wie man sehen kann, bietet "Thunder Force 5" eine wirklich
sehr interessante Story, die im Detail noch viel komplexer ist. Im Optionspunkt
Digital Viewer werden diese und noch viele weitere nette Infos in Bild
und Schrift festgehalten, die man sich im Laufe der Zeit nach und nach
erspielen kann. Der Time Attack-Modus, bei dem man auf Zeit gegen alle
Bossgegner antreten kann, komplettiert das sehr schöne Spiel, das
trotz der etwas schwachen grafischen Präsentation, welche allerdings
durch den sehr guten Sound ausgeglichen wird, noch neun Punkte von mir
verliehen bekommt. Das etwas enttäuschende Leveldesign kann aber
durch nichts ausgebügelt werden, daher bleibt die Höchstwertung
diesem Shooter verwehrt.
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