Tiger Road
Action

Lyrion
August 09

Als der böse Kriegsherr Ryuken (bzw. Ryu Ken Oh, wie es auf dem Arcade-Flyer steht und was man auch als König der Drachenfaust oder -technik übersetzen könnte) Kinder entführt, um sie mittels einer Gehirnwäsche zu seinen Soldaten ausbilden zu lassen, sendet der Meister des Tempels Oh Lin (bzw. des Tempels Oh Rin, je nachdem wie man die Kanji übersetzt) seinen besten Schüler Lee Wong aus, damit dieser den machthungrigen König vernichtet und die unschuldigen Kinder rettet. Mit drei Waffen und einem blauen, magischen, zum Fliegen befähigenden Umhang ausgerüstet darf man sich nun als Spieler auf den Weg des Tigers begeben.

Das sich an klassischen Shaolin-Eastern orientierende "Tiger Road" gestaltet sich als reines Action-Spiel, bei dem die pausenlos auf unseren glatzköpfigen und anfangs noch in seinen Kampfkünsten unvollkommenen Mönch anstürmenden Gegner einfach nur möglichst schnell und ohne dabei selbst Schaden zu nehmen besiegt werden müssen. Zusätzlich muss man noch das strenge Zeitlimit im Auge behalten und sich auf die vielen unterschiedlichen Fallen konzentrieren, die fast überall aufgestellt sind und dem Spieler das Pixel-Leben erheblich erschweren. In der Mitte eines jeden Levels muss man jeweils einen Zwischenboss und am Ende einen harten Bossbrocken mit seinen Kampftechniken bezwingen. Alleine mit den drei Standardwaffen, der kreisförmig angreifenden Kettenaxt, dem geradlinig zustoßenden Speer und dem der Bewegung einer Schlange nachempfundenen Morgenstern, wird man zu Ryuken aber erst gar nicht vorstoßen können. Der erste Boss ist bereits dermaßen schwer, wenn nicht sogar schon unfair, dass man ihn eigentlich nur mit einem vollen Energiebalken und pausenlosen Angriffen besiegen kann. Um später überhaupt den Hauch einer Chance zu haben, sollte Lee Wong auf alle Fälle schnellstmöglich die Technik des Tigers, Tora Kikoh (bzw. Tora Ki Koh) genannt, meistern. Dies kann er nach jedem der vier ersten Levels auf den Übungsplätzen seines Tempels machen. Um die Technik des Tigers zu erlernen, müssen mindestens zwei der vier Übungen erfolgreich absolviert werden, wobei allerdings zu beachten ist, dass man für jede dieser Aufgaben immer nur einen einzigen Versuch hat. Ein Patzer bedeutet das sofortige Aus, was sich bereits im nachfolgenden schwierigeren Level negativ auf den Spielspaß auswirkt. Unter diesem Aspekt macht die am Anfang erlaubte Wahl des Einstiegslevels gar keinen Sinn, denn wenn man direkt im vierten Level anfängt, kann man die Technik des Tigers erst gar nicht erlernen. Und im fünften und finalen Level, welcher eigentlich nur aus den beiden letzten Bosskämpfen besteht, hat man ohne diese Kraft überhaupt keine Aussicht auf Erfolg. Somit ist es zwingend notwendig, dass man das Spiel immer im ersten Level anfängt und im Idealfall alle vier essentiellen, aber unheimlich schweren Prüfungen, die aus nachfolgenden Disziplinen bestehen, erfolgreich besteht.

1. Training Place: Hier muss man an einem Wasserfall entlang über Steinvorsprünge und Flöße hüpfen und herunterfallenden Baumstämmen ausweichen. Als Belohnung wird der Energiebalken um die grüne Energie der Tora Kikoh verlängert.
2. Training Place: Kampf gegen anstürmende Mönche. Sofern die erste Trainingseinheit erfolgreich beendet wurde, erhält man nach dieser Prüfung die Kraft des Tigers, welche aber nur in Zusammenhang mit der grün dargestellten Energie von Tora Kikoh in Anspruch genommen werden kann. Mit der mächtigen Kraft des Tigers kann Lee Wong nun den Gegnern aus der Ferne eine Energiewelle, welche grafisch einem springenden Tiger nachempfunden ist, entgegenschleudern.
3. Training Place: Lee Wong muss an Dachvorsprüngen verschiedenen Hindernissen ausweichen. Nach dieser Prüfung wird, sofern man die beiden vorherigen Übungen gemeistert hat, die Kraft von Lee Wong verdoppelt. So gestärkt stellen alle normalen Gegner kaum mehr ein Hindernis dar.
4. Training Place: Hier muss mit Hilfe der Waffe die Flamme einer großen Kerze ausgelöscht werden. Gelingt auch dies, so wird die grüne Spannweite der Energie von Tora Kikoh verlängert, so dass man noch im relativ geschwächten Zustand mit der Kraft des Tigers kämpfen kann. Für den auf diese Weise erleuchteten Lee Wong ist dann selbst Ryuken kein ernstzunehmender Gegner mehr.

Die vier Trainingsplätze könnten den einen oder anderen Spieler an alte Filme wie zum Beispiel "Die 36 Kammern der Shaolin" erinnern, ebenso wie der recht einfach gestrickte Plot des Spieles. Aber auch "A Chinese Ghost Story" könnte einem beim Spielen in den Sinn kommen, denn neben menschlichen Gegnern muss man sich hier ebenfalls mit Geistern, Dämonen und Untoten herumplagen und einige Spielabschnitte fliegend überwinden. Leider gestaltet sich die Steuerung von Lee Wong etwas schwierig, so dass man als Spieler oft in große Bedrängnis gerät. Das Hüpfen und somit das Ausweichen funktioniert meistens nicht so wie man es gerne hätte, und durch den zu schnellen Einsatz der drei Standardwaffen, dem selbst das Auge kaum folgen kann, geht einem der Sinn für die Genauigkeit der Angriffe verloren. Aus diesem Grund ist das Spiel wirklich sehr schwer und nur sehr hartnäckigen Naturen ans Herz zu legen. Wer sich nun angesprochen fühlt, der sollte sich die Capcom-Collections zulegen, denn auf einer von ihnen befindet sich auch "Tiger Road".

Wie die meisten interessanten Arcade-Spiele wurde auch "Tiger Road" für die damals gängigen Heimsysteme konvertiert. Die einzig erwähnenswerte Umsetzung erschien für die PC-Engine, sowohl in Japan als auch in den USA (TurboGrafx). Auf den ersten Blick punktet diese Fassung jedoch nur mit einer schöneren comicartigen Grafik, denn die Steuerung von Lee Wong ist wie beim Original unpräzise und der Schwierigkeitsgrad nach wie vor extrem hoch. Mit gerade mal drei verfügbaren Continues ist das Spiel nahezu unschaffbar, sofern man nur über ein Core-System ohne Backup-Unit verfügt. Ansonsten wird der Spielfortschritt automatisch nach jedem beendeten Level gesichert, was ausdauernden Spielern eine reale Chance auf Erfolg beschert. Der Aufbau der einzelnen Spielabschnitte sowie das Design einiger Gegner weichen stark vom Vorbild ab, was wie die verniedlichte Grafik positiv zu werten ist. Das ganze Spiel wirkt dadurch etwas runder und abwechslungsreicher. Von den vier Übungseinheiten haben es nur zwei auf die HuCard geschafft, die immer abwechselnd jeweils zweimal bestanden werden müssen. Um beim missglückten Training nicht alles von vorne machen zu müssen, kann man dank der Backup-Funktion etwas schummeln, indem man das Spiel resetet, denn ohne gänzlich ausgebaute Tigerkraft ist man auch hier zum Ende hin den Gegnern vollkommen unterlegen. Auf den Punkt gebracht ist die PCE-Umsetzung von "Tiger Road" etwas besser als das Originalspiel, was sich natürlich auch auf unserer Punkteskala äußert. Zu empfehlen ist sie aber nur zähen und sehr geduldigen Gemütern.