Als der böse Kriegsherr Ryuken (bzw. Ryu Ken Oh, wie es auf dem Arcade-Flyer
steht und was man auch als König der Drachenfaust oder -technik übersetzen
könnte) Kinder entführt, um sie mittels einer Gehirnwäsche
zu seinen Soldaten ausbilden zu lassen, sendet der Meister des Tempels
Oh Lin (bzw. des Tempels Oh Rin, je nachdem wie man die Kanji übersetzt)
seinen besten Schüler Lee Wong aus, damit dieser den machthungrigen
König vernichtet und die unschuldigen Kinder rettet. Mit drei Waffen
und einem blauen, magischen, zum Fliegen befähigenden Umhang ausgerüstet
darf man sich nun als Spieler auf den Weg des Tigers begeben.
Das sich an klassischen Shaolin-Eastern orientierende "Tiger Road"
gestaltet sich als reines Action-Spiel, bei dem die pausenlos auf unseren
glatzköpfigen und anfangs noch in seinen Kampfkünsten unvollkommenen
Mönch anstürmenden Gegner einfach nur möglichst schnell
und ohne dabei selbst Schaden zu nehmen besiegt werden müssen.
Zusätzlich muss man noch das strenge Zeitlimit im Auge behalten
und sich auf die vielen unterschiedlichen Fallen konzentrieren, die
fast überall aufgestellt sind und dem Spieler das Pixel-Leben erheblich
erschweren. In der Mitte eines jeden Levels muss man jeweils einen Zwischenboss
und am Ende einen harten Bossbrocken mit seinen Kampftechniken bezwingen.
Alleine mit den drei Standardwaffen, der kreisförmig angreifenden
Kettenaxt, dem geradlinig zustoßenden Speer und dem der Bewegung
einer Schlange nachempfundenen Morgenstern, wird man zu Ryuken aber
erst gar nicht vorstoßen können. Der erste Boss ist bereits
dermaßen schwer, wenn nicht sogar schon unfair, dass man ihn eigentlich
nur mit einem vollen Energiebalken und pausenlosen Angriffen besiegen
kann. Um später überhaupt den Hauch einer Chance zu haben,
sollte Lee Wong auf alle Fälle schnellstmöglich die Technik
des Tigers, Tora Kikoh (bzw. Tora Ki Koh) genannt, meistern. Dies kann
er nach jedem der vier ersten Levels auf den Übungsplätzen
seines Tempels machen. Um die Technik des Tigers zu erlernen, müssen
mindestens zwei der vier Übungen erfolgreich absolviert werden,
wobei allerdings zu beachten ist, dass man für jede dieser Aufgaben
immer nur einen einzigen Versuch hat. Ein Patzer bedeutet das sofortige
Aus, was sich bereits im nachfolgenden schwierigeren Level negativ auf
den Spielspaß auswirkt. Unter diesem Aspekt macht die am Anfang
erlaubte Wahl des Einstiegslevels gar keinen Sinn, denn wenn man direkt
im vierten Level anfängt, kann man die Technik des Tigers erst
gar nicht erlernen. Und im fünften und finalen Level, welcher eigentlich
nur aus den beiden letzten Bosskämpfen besteht, hat man ohne diese
Kraft überhaupt keine Aussicht auf Erfolg. Somit ist es zwingend
notwendig, dass man das Spiel immer im ersten Level anfängt und
im Idealfall alle vier essentiellen, aber unheimlich schweren Prüfungen,
die aus nachfolgenden Disziplinen bestehen, erfolgreich besteht.
1. Training Place: Hier muss man an einem Wasserfall entlang über
Steinvorsprünge und Flöße hüpfen und herunterfallenden
Baumstämmen ausweichen. Als Belohnung wird der Energiebalken um
die grüne Energie der Tora Kikoh verlängert.
2. Training Place: Kampf gegen anstürmende Mönche. Sofern
die erste Trainingseinheit erfolgreich beendet wurde, erhält man
nach dieser Prüfung die Kraft des Tigers, welche aber nur in Zusammenhang
mit der grün dargestellten Energie von Tora Kikoh in Anspruch genommen
werden kann. Mit der mächtigen Kraft des Tigers kann Lee Wong nun
den Gegnern aus der Ferne eine Energiewelle, welche grafisch einem springenden
Tiger nachempfunden ist, entgegenschleudern.
3. Training Place: Lee Wong muss an Dachvorsprüngen verschiedenen
Hindernissen ausweichen. Nach dieser Prüfung wird, sofern man die
beiden vorherigen Übungen gemeistert hat, die Kraft von Lee Wong
verdoppelt. So gestärkt stellen alle normalen Gegner kaum mehr
ein Hindernis dar.
4. Training Place: Hier muss mit Hilfe der Waffe die Flamme einer großen
Kerze ausgelöscht werden. Gelingt auch dies, so wird die grüne
Spannweite der Energie von Tora Kikoh verlängert, so dass man noch
im relativ geschwächten Zustand mit der Kraft des Tigers kämpfen
kann. Für den auf diese Weise erleuchteten Lee Wong ist dann selbst
Ryuken kein ernstzunehmender Gegner mehr.
Die vier Trainingsplätze könnten den einen oder anderen Spieler
an alte Filme wie zum Beispiel "Die 36 Kammern der Shaolin"
erinnern, ebenso wie der recht einfach gestrickte Plot des Spieles.
Aber auch "A Chinese Ghost Story" könnte einem beim Spielen
in den Sinn kommen, denn neben menschlichen Gegnern muss man sich hier
ebenfalls mit Geistern, Dämonen und Untoten herumplagen und einige
Spielabschnitte fliegend überwinden. Leider gestaltet sich die
Steuerung von Lee Wong etwas schwierig, so dass man als Spieler oft
in große Bedrängnis gerät. Das Hüpfen und somit
das Ausweichen funktioniert meistens nicht so wie man es gerne hätte,
und durch den zu schnellen Einsatz der drei Standardwaffen, dem selbst
das Auge kaum folgen kann, geht einem der Sinn für die Genauigkeit
der Angriffe verloren. Aus diesem Grund ist das Spiel wirklich sehr
schwer und nur sehr hartnäckigen Naturen ans Herz zu legen. Wer
sich nun angesprochen fühlt, der sollte sich die Capcom-Collections
zulegen, denn auf einer von ihnen befindet sich auch "Tiger Road".
Wie die meisten interessanten Arcade-Spiele wurde auch "Tiger
Road" für die damals gängigen Heimsysteme konvertiert.
Die einzig erwähnenswerte Umsetzung erschien für die PC-Engine,
sowohl in Japan als auch in den USA (TurboGrafx). Auf den ersten Blick
punktet diese Fassung jedoch nur mit einer schöneren comicartigen
Grafik, denn die Steuerung von Lee Wong ist wie beim Original unpräzise
und der Schwierigkeitsgrad nach wie vor extrem hoch. Mit gerade mal
drei verfügbaren Continues ist das Spiel nahezu unschaffbar, sofern
man nur über ein Core-System ohne Backup-Unit verfügt. Ansonsten
wird der Spielfortschritt automatisch nach jedem beendeten Level gesichert,
was ausdauernden Spielern eine reale Chance auf Erfolg beschert. Der
Aufbau der einzelnen Spielabschnitte sowie das Design einiger Gegner
weichen stark vom Vorbild ab, was wie die verniedlichte Grafik positiv
zu werten ist. Das ganze Spiel wirkt dadurch etwas runder und abwechslungsreicher.
Von den vier Übungseinheiten haben es nur zwei auf die HuCard geschafft,
die immer abwechselnd jeweils zweimal bestanden werden müssen.
Um beim missglückten Training nicht alles von vorne machen zu müssen,
kann man dank der Backup-Funktion etwas schummeln, indem man das Spiel
resetet, denn ohne gänzlich ausgebaute Tigerkraft ist man auch
hier zum Ende hin den Gegnern vollkommen unterlegen. Auf den Punkt gebracht
ist die PCE-Umsetzung von "Tiger Road" etwas besser als das
Originalspiel, was sich natürlich auch auf unserer Punkteskala
äußert. Zu empfehlen ist sie aber nur zähen und sehr
geduldigen Gemütern.
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